Ärzte Zeitung, 10.04.2008

HINTERGRUND

EEG und MRT - ein Muss nach dem ersten Krampfanfall

Von Thomas Müller

Wie viel Diagnostik ist bei Kindern nach einem ersten Epilepsie-artigen Anfall nötig, wenn sie ansonsten neurologisch unauffällig sind? Außer zu einem EEG innerhalb der ersten 24 Stunden nach dem Anfall wird meist auch zu Blutuntersuchungen und einem MRT geraten. Allerdings sind viele der Auffälligkeiten, die dabei entdeckt werden, für die Beurteilung nicht relevant.

Einig sind sich Epilepsie-Experten jedenfalls bei EEG-Untersuchungen - hierbei lassen sich zeitnah zum Anfall Epilepsie-typische Potenziale und fokale Verlangsamungen gut feststellen. Das ist in Studien inzwischen gut belegt worden, hat Professor Bernd Neubauer vom Uniklinikum Gießen berichtet. Werden solche EEG-Veränderungen entdeckt, ist das Risiko für einen Rezidiv-Anfall verdoppelt. Beim EEG ist jedoch der Zeitpunkt wichtig: Die höchste Sensitivität hat die Untersuchung in den ersten 24 Stunden nach dem Anfall. Drei Tage später ist die Sensitivität nur noch halb so hoch, sagte der Pädiater beim Neuropädiatrie-Kongress in Jena. Allerdings: Den Zeitraum für das EEG noch weiter zu verengen, bringt nichts. In Studien ließen sich drei Stunden nach einem Anfall Epilepsie-typsiche Signale nicht signifikant häufiger nachweisen als 24 Stunden später, so Neubauer auf einer von Janssen-Cilag unterstützten Veranstaltung.

Blutanalysen bei Kindern bis zu drei Jahren empfohlen

Weniger eindeutig ist die Situation bei Laboruntersuchungen. So haben Studien sowohl bei Erwachsenen als auch bei Kindern mit ersten Anfällen nur höchst selten Abweichungen der Serumspiegel von Glukose, Natrium, Kalium und Kreatinin ergeben -wenn, dann meist bei Säuglingen. Neubauer nannte etwa eine Studie mit 160 Patienten - nur bei einem, und zwar bei einem Säugling, konnte durch die Blutuntersuchung eine Hypoglykämie als Ursache des Anfalls nachgewiesen werden. Dass die Serumanalyse bei älteren Patienten hilfreich ist, dafür gebe es bislang keine ausreichenden Daten. Allerdings: "Alle Fachkommissionen haben gesagt, diese Datenlage ist insgesamt zu schwach, wir empfehlen die Blutuntersuchung daher mindestens bis zum 3. Lebensjahr", so Neubauer. "Ich würde das jedoch grundsätzlich immer tun", ergänzte der Pädiater, denn bei Blutanalysen von Kindern müsse man immer mit Überraschungen rechnen.

Noch weniger Hinweise gibt es für einen Nutzen der Lumbalpunktion. Neubauer nannte eine Studie, in der bei zwölf Prozent der Kinder nach einem ersten Anfall eine Granulozytose im Liquor auffiel - allerdings ohne dass ein Erreger nachgewiesen werden konnte. Doch auch hier gilt: Sicher ist sicher. Bei Kindern im ersten Lebensjahr, vor allem in den ersten sechs Monaten, wird zum Ausschluss einer Infektion die Lumbalpunktion allgemein empfohlen, auch wenn es dazu noch keine guten evidenzbasierten Daten gibt.

Bei Säuglingen wird auch zu einer Lumbalpunktion geraten.

Wenn die Blutentnahme innerhalb einer Stunde gelingt, noch besser innerhalb von 30 Minuten nach dem Anfall, ist der Prolaktinwert aufschlussreich. "Dann kann man bei einem generalisierten tonisch-klonischen Anfall einen Prolaktinanstieg messen, und zwar bei etwa 60 Prozent." Bei einem komplexen Partialanfall ist die Messung weniger sensitiv: Hier lässt sich nur bei etwa 45 Prozent der Patienten ein solcher Anstieg feststellen, und bei Absencen fehlt er ganz. "Allerdings können die Prolaktinwerte auch bei Synkopen steigen. Die Messung kann also nur zur Differenzierung von psychogenen Anfällen und Grand-mal-Anfällen dienen", so Neubauer.

Relativ eindeutig sind wiederum die Empfehlungen zur MRT-Diagnostik: Generell wird in Deutschland zu einem MRT bei allen Kindern nach einem ersten afebrilen Anfall geraten - außer der klinische Verlauf spricht eindeutig für eine idiopathische Epilepsie.

Weniger eindeutig sind meist die MRT-Befunde, so Neubauer. In Studien, in denen man Experten verblindet MRT-Bilder von Kindern nach einem Anfall vorlegte, wurden bei 30 Prozent der Kinder Auffälligkeiten entdeckt, jedoch standen diese nur bei zwei Prozent im Zusammenhang mit dem Anfall. In vielen Ländern verzichtet man daher auf eine allgemeine Empfehlung zur MRT. "Ob man eine MRT für alle empfiehlt, obwohl nur zwei Prozent sie brauchen, ist jedoch eine Entscheidung der jeweiligen Gesundheitssysteme", so Neubauer.

Gründe für Anfälle bei Kindern

Bei Kindern nach einem ersten Epilepsie-artigen Anfall kommen nicht nur idiopathische Epilepsien als Auslöser infrage. Auch ZNS-Infekte, Tumoren sowie Hypoglykämien oder Synkopen können Anfälle auslösen. Zur Klärung sind Laboruntersuchungen und ein MRT nötig. Bei Krampfanfällen, die innerhalb von Sekunden nach einem Schädeltrauma auftreten und weniger als drei Minuten dauern, besteht gewöhnlich keine Epilepsiegefahr.

(mut)

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