Ärzte Zeitung, 05.11.2015

Epilepsie durch Sudokus

Der rätselhafte Patient

Nach einem überstandenen Lawinenunglück bekommt ein junger Mann plötzlich epileptische Anfälle - aber nur, wenn er Sudokus löst. Forscher sind diesem Rätsel jetzt auf die Spur gekommen.

Von Thomas Müller

Der rätselhafte Patient

Immer, wenn er Sudokus löst, bekommt ein Patient epileptische Anfälle. Warum?

© Stefan Thiermayer - Fotolia

MÜNCHEN. Der 25-Jährige hatte noch einmal Glück im Unglück: Während einer Skitour wurde er von einer Lawine begraben und konnte bereits nach einer viertel Stunde befreit werden.

Allerdings bekam er in dieser Zeit zu wenig Luft und entwickelte posthypoxische Myoklonien, von denen vor allem der Mund beim Sprechen und die Beine beim Gehen betroffen waren, nicht aber die Arme, berichten Ärzte um Privatdozent Berend Feddersen von der Klinik und Poliklinik für Palliativmedizin der LMU München (JAMA Neurol 2015; online 19. Oktober)

Als der Patient einige Wochen später versuchte, ein Sudoku-Rätsel zu lösen, fing jedoch plötzlich der linke Arm an, heftig zu zucken. Die klonischen Anfälle traten immer nur dann auf, wenn er sich mit Sudokus beschäftigte, nicht aber bei anderen kognitiven Tätigkeiten wie Lesen, Schreiben oder Rechnen. Die Anfälle hörten auch sofort wieder auf, wenn er die Rätsel zur Seite legte.

Mangel an inhibitorischen U-Fasern

Die Ärzte um Feddersen begannen nun eine gründliche Untersuchung. Im EEG zeigte sich beim Versuch, ein Sudoku zu lösen, ein rechtsseitiges, zentroparietales Anfallsmuster. Der Mann versuchte dabei stets, sich die Zahlenreihen dreidimensional vorzustellen.

Wurden ihm nun ähnliche räumlich-visuelle Aufgaben gestellt, etwa Zahlen nach einem bestimmten Muster zu ordnen, führte dies ebenfalls zu den bekannten Anfällen.

Im MRT fanden die Ärzte keine Auffälligkeiten. Sie versuchten es daher mit einem Technetium-PET. Dabei fanden sie eine Hyperperfusion der Pars posterior des Gyrus cinguli. Im fMRT zeigte sich während der Beschäftigung mit Sudokus eine breit gefächerte Aktivität vor allem im zentroparietalen Kortex.

In dieses Bild passt ein rechtsseitiger, zentroparietaler Mangel an inhibitorischen U-Fasern, wie er sich per Diffusions-Tensor-Bildgebung (DTI) feststellen ließ. Bestätigt wurde die Hyperexzitabilität dieses Areals zudem durch somatosensibel evozierte Potenziale am linken Mittelarmnerv - der Amplitudenanstieg war dreimal größer als beim rechten Nervus medianus.

Therapie: Sudoku-Verbot

Die plausibelste Erklärung für die Sudoku-induzierten Anfälle: Während der Mann unter den Schneemassen nach Luft rang, kam es sowohl zu einer verbreiteten diffusen Schädigung im Gehirn als auch zu einem lokalen Verlust von rechtsseitigen zentroparietalen U-Fasern, schreiben Feddersen und Mitarbeiter.

Dieser Verlust führte zu einer Übererregbarkeit im zentroparietalen Kortex. Komplexe räumlich-visuelle Aufgaben, die zu einer Aktivierung dieses Bereichs führen, genügen nun, um einen fokalen Anfall auszulösen.

Ähnliche Formen von Reflex-Epilepsien, getriggert etwa durch Kopfrechnen, den Versuch, Probleme zu lösen, oder bei bestimmten Spielen mit hoher räumlich-visueller Anforderung, wurden in der Literatur immer wieder beschreiben, so Feddersen. Allerdings handelte es sich dabei fast immer um Patienten mit idiopathischer Epilepsie.

Bei dem Lawinenopfer war hingegen keine antiepileptische Langzeittherapie nötig. Er durfte nur keine Sudokus mehr lösen. Daran hat er sich dann auch gehalten und ist seit nunmehr fünf Jahren anfallsfrei.

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