Ärzte Zeitung, 05.08.2004

HINTERGRUND

Manche Männer martern sich mit strenger Diät plus Extremsport

Von Angela Speth

Zunehmend gewinnen neue Formen von Eßstörungen an Bedeutung: Heißhungerattacken, nach denen die Patienten anders als bei der Bulimie nicht zu erbrechen versuchen, oder, vor allem bei Männern, die Kombination von strenger Diät mit Extremsport. Therapieprogramme, die bei einem Symposium in Tübingen vorgestellt wurden, helfen zwei Dritteln der betroffenen Patienten mit guten bis sehr guten Ergebnissen.

Meist sind es junge Frauen, die in den Teufelskreis einer Eßstörung hineingeraten. Am Anfang steht gewöhnlich strenges Fasten, womit sie dem Schlankheitsideal eines Laufstegmodels nacheifern. Manche - insgesamt 0,5 Prozent der Deutschen - geraten dabei in eine Magersucht (Anorexie), andere können den selbstauferlegten Zwang nicht durchhalten und schlingen in Episoden von Eßgier innerhalb kurzer Zeit riesige Mengen an Nahrung in sich hinein, obwohl sie sich als zu dick empfinden.

Um dennoch das Gewicht zu halten, verfällt ein Teil dieser Gruppe auf den scheinbaren Ausweg, das Übermaß an Kalorien durch Erbrechen wieder loszuwerden. Schon 13- bis 14jährige geben das in der Schule als Tip weiter, sagte Dr. Gerhard Eschweiler von der Tübinger Universitätsklinik für Psychotherapie und Psychiatrie. An der Eß-Brech-Sucht (Bulimie) leiden bis zu zwei Prozent der Deutschen, die Dunkelziffer wird jedoch als hoch eingeschätzt.

Zunehmend Eßattacken ohne anschließendes Erbrechen

Mittlerweile gibt es aber auch viele Menschen, die anfallsweise hemmungslos essen, ohne anschließend zu erbrechen, wie Eschweiler berichtete. Als Eßattackenkrankheit (Binge-Eating) hat sich diese Störung in den USA bereits als eigenständige Diagnose etabliert. In Deutschland sind nach Schätzungen etwa drei Prozent der Bevölkerung daran erkrankt. Meist sind die Patienten stark übergewichtig und daher gefährdet für Komplikationen wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Diabetes mellitus.

Etwa zehn Prozent der Eßgestörten sind Männer. Dabei richtet sich das Augenmerk der Ärzte in jüngster Zeit auf eine neue Gruppe: jene Eßgestörten, die eine strenge Diät mit übertriebenem sportlichen Ehrgeiz verbinden. "Zur Sucht der Bewegung kommt die Sucht des selbstbestimmten Hungerns", sagte Eschweiler. Dadurch treiben sie ihren Körper in Krankheiten wie Herz-Kreislauf-Störungen, deren eigentliche Ursache meist erst spät erkannt wird.

Niedriges Selbstbewußtsein als Risikofaktor

Risikofaktoren für Eßstörungen sind ein niedriges Selbstbewußtsein, wodurch der eigene Körper in den Mittelpunkt rückt, aber auch traumatische Erlebnisse in der Kindheit. Von Bedeutung ist ferner, daß die Gliederung des Tages durch Mahlzeiten und das gemeinsame Essen in der Familie mehr und mehr verloren gehen. Fast die Hälfte der eßgestörten Patienten leidet noch an weiteren psychischen Auffälligkeiten.

Besonders die Bulimie ist oft von Störungen der Impulskontrolle begleitet, die schnell in starke emotionale Turbulenzen umschlagen. Um diese Spannungen abzubauen, trinken manche vermehrt Alkohol, andere ritzen sich die Haut auf oder werden aggressiv. Außerdem leiden viele Patienten mit Eßstörung an Depressionen sowie an Angst- und Zwangsstörungen.

Obwohl die Schwelle, sich zu offenbaren, immer noch hoch liegt, steigt doch die Bereitschaft, sich in ärztliche Behandlung zu begeben, wie Eschweiler berichtet hat.

Wegbereiter für diesen Trend sind Personen des öffentlichen Lebens wie Lady Di, die sich zu ihrer Bulimie bekannte. Das Vorliegen einer solchen Eßstörung könnte vor allem auch Zahnärzten auffallen, und zwar daran, daß der Zahnschmelz durch die Magensäure weggefressen ist. Ein wichtiges Medium für Eßgestörte ist das Internet: Dort können sie sich informieren und austauschen, ohne ihre Anonymität aufzugeben.

Für Patienten, bei denen die Eßprobleme mit anderen psychischen Störungen einhergehen, wird in Tübingen seit einem Jahr eine stationäre Therapie angeboten, die etwa 100 Tage dauert und aus mehreren Bausteinen besteht. Dazu gehören Einzel- und Gruppengespräche, drei gemeinsame Mahlzeiten täglich unter Teilnahme einer Betreuungsperson, Schulungen zu Eßstörungen und Ernährung, Kunsttherapie, Übungen zur Körperwahrnehmung wie zum Beispiel Qi-Gong oder Entspannungstechniken, Fitness-Training sowie Kochen in der Gruppe.

Bei etwa einem Drittel der Teilnehmer eines solchen Programms sind die Erfolge nach Angaben von Eschweiler ausgezeichnet, bei einem weiteren Drittel gut bis mittelmäßig, bei den Restlichen trete keine positive Wirkung ein. Derzeit mangele es leider noch an Möglichkeiten, die erreichte Besserung durch ambulante Programme zu sichern.

FAZIT

Meist sind es junge Frauen, die in den Teufelskreis einer Eßstörung hineingeraten. An Bedeutung gewinnen Heißhungerattacken, nach denen die Patienten anders als bei der Bulimie nicht zu erbrechen versuchen. Etwa zehn Prozent der Eßgestörten sind Männer. Risikofaktoren für Eßstörungen sind ein niedriges Selbstbewußtsein sowie traumatische Erlebnisse in der Kindheit. Tübinger Wissenschaftler haben großen Erfolg mit einer stationären Therapie, die etwa 100 Tage dauert und aus mehreren Bausteinen besteht.

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Luftschadstoffe beeinträchtigen viele Organsysteme

Die Lunge gilt zwar als Eintrittspforte für Schadstoffe aus der Luft, kurz- und langfristige Gesundheitsschäden scheinen jedoch vor allem im Herzkreislaufsystem aufzutreten. mehr »

Für die Union ist Substitution von Ärzten kein Tabu

Nichtärztliche Gesundheitsberufe sollen stärker in die Versorgung eingebunden werden, fordert die Union. Ärztepräsident Montgomery benennt die Fallstricke für solche Pläne. mehr »

Frühe ART wirkt protektiv

Die frühe antiretrovirale Therapie (ART) schützt HIV-Patienten vor schweren bakteriellen Infektionen. mehr »