Ärzte Zeitung, 22.09.2006

Magere Models von Laufstegen verbannt

Madrid setzt im Kampf gegen Eßstörungen ein Zeichen / Models protestieren gegen Wiege-Zwang

MADRID (dpa). Als das Model seinen Weg über den Laufsteg beendet hatte, blies es die Backen auf und streckte dem Publikum die Zunge heraus. Mit dieser Geste machte die Schöne deutlich, was sie davon hielt, vor ihrem Auftritt bei der Madrider Modewoche auf die Waage steigen zu müssen. Als erste internationale Modemetropole hatte Madrid entschieden, daß sich alle Teilnehmerinnen der "Pasarela Cibeles" wiegen lassen mußten. Zu magere Models wurden von den Laufstegen verbannt.

Zwei Models präsentieren auf der Madrider Modewoche Kleider von Elio Berhanyer. Vor den Schauen mußten sich alle Models wiegen lassen. Foto: dpa

Die spanische Hauptstadt löste damit in der Welt der Mode eine lebhafte Debatte aus. Die meisten Modemacher und deren Models zeigten sich von dem Teilnahmeverbot für untergewichtige Mannequins wenig begeistert. Sie warfen den Verantwortlichen vor, magere Frauen zu diskriminieren. Dagegen feierten Politiker und Gesundheitsexperten die Entscheidung als einen wichtigen Schritt im Kampf gegen die Ausbreitung von Magersucht und Bulimie.

"Dies ist die erste internationale Modemesse, die ein Zeichen für die Gesundheit setzt", sagte die Regierungschefin der Region Madrid, Esperanza Aguirre. Seit Jahren hatten Experten darauf hingewiesen, daß magere Models nicht nur ein falsches Schönheitsideal verbreiteten, sondern auch ein schlechtes Vorbild für die Jugend abgäben. In Spanien leiden sechs Prozent der 12- bis 21jährigen an Eßstörungen. Davon sind 90 Prozent Frauen und Mädchen.

Mehrere renommierte Laufstegschönheiten wie Eugenia Silva oder Marta Español empfanden die Prozedur des Wiegens als demütigend und blieben der Modewoche fern. Einige versuchten gar, einen Boykott zu organisieren, scheiterten aber damit. Andere Models stellten sich zähneknirschend auf die Waage. "Warum zeigt man nur auf die Dünnen und nicht auf die Dicken?", fragte Eva Sanz.

Ihre Kollegin Bimba Bosé meinte: "Mager zu sein, heißt nicht krank zu sein. Jeder Psychiater weiß, daß für die Magersucht nicht wir Models verantwortlich sind, sondern die Mütter." Von den 68 Models, die sich bei der Modewoche vorgestellt hatten, wurden fünf ausgeschlossen, weil sie nicht genug Gewicht auf die Waage brachten. Als Limit war ein Body-Mass-Index (BMI) von 18 vorgegeben. Ein 1,75 Meter großes Model muß demnach wenigstens 56 Kilogramm wiegen.

Die Verantwortlichen richteten sich dabei nach den Werten der Weltgesundheitsorganisation (WHO), für die ein Index von unter 18 Untergewicht bedeutet. "Wir waren an einem Punkt angelangt, an dem immer mehr Models nur noch Haut und Knochen waren", sagte die Direktorin der Madrider Modewoche, Leonor Pérez Pita. "Das konnte so nicht weiter gehen."

Positives Echo in Modezentren wie London und Mailand

In Modezentren wie London oder Mailand stieß die Initiative auf ein positives Echo. Die Mailänder Bürgermeisterin Letizia Moratti und die britische Kulturministerin Tessa Jowell plädierten dafür, daß andere Modemessen dem Beispiel Madrids folgen sollten.

"Junge Mädchen fühlen sich minderwertig, wenn sie nicht ebenso schön sind wie die Models", sagte Jowell. "Viele 15jährige fassen sich am Morgen beim Aufstehen als erstes an den Bauch." Der britische Mode-Zar Stuart Rose jedoch will davon nichts wissen: "Der Weg der Verbote ist nicht der richtige. Wir werden ihm nicht folgen."

Die Aufregung um das Gewicht der Schönheiten hatte zur Folge, daß die Besucher der "Pasarela Cibeles" an den ersten Tagen mehr auf die Maße der Models achten als auf die Kleidung, um die es eigentlich gehen sollte. "Die Gewinner des Streits sind die Zuschauer", stellte die Zeitung "El Mundo" fest. "Sie bekamen diesmal Frauen mit Kurven zu sehen."

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