Ärzte Zeitung, 12.05.2009

Bei psychischen Störungen fehlt effektive Nachsorge in der Praxis

Jugendpsychiater beklagen mangelnde Vernetzung

HAMBURG (ugr). Die stationäre Behandlung von Kindern und Jugendlichen mit psychischen Störungen ist oft erfolgreich, wenn sie Teil eines umfassenden Therapiekonzeptes ist und wenn die Eltern darin eingebunden sind. Bislang gibt es aber kaum Daten, wie sich die Patienten nach der Entlassung weiterentwickeln.

Darauf haben Ärzte beim Kinder- und Jugendpsychiatriekongress in Hamburg hingewiesen. Ein Beispiel nannte Dr. Antje Thiele von der Kinder- und Jugendpsychiatrie Scheidegg. Die Zahl der ADHS-Patienten, die dort behandelt werden, hat sich in den vergangenen fünf Jahren auf über 200 pro Jahr mehr als verdreifacht. In der Reha-Klinik können nicht nur ein Elternteil, sondern mitunter sogar ganze Familien stationär einbezogen werden. Thiele beklagte jedoch die fehlende Vernetzung mit ambulanten Einrichtungen: "Ein Großteil der Patienten hatte noch nie Kontakt mit einer ambulanten Kinder- und Jugendpsychiatrie. Die Zuweisung erfolgt in 75 Prozent der Fälle über Kinder- und Hausärzte." Ungeklärt sei deshalb auch hier oft die Frage: Wie geht es anschließend weiter?

Bei Adipositas oder Bulimie ist die Entwicklung nach dem stationären Aufenthalt unklar.

Ähnlich sieht es bei der Behandlung magersüchtiger Jugendlicher aus, hat Dr. Jan Gerrit Behrens von der Seepark-Klinik Bad Bodenteich berichtet. Dort wurden in den vergangenen zehn Jahren 213 minderjährige Patienten (nur 2,3 Prozent männlich) mit der Diagnose Anorexia nervosa behandelt. Die stationäre Therapie war sehr erfolgreich: Die mittlere Aufenthaltsdauer betrug 82 Tage, der BMI betrug 15,1 bei Aufnahme und 17,4 bei Entlassung - das durchschnittliche Gewicht stieg von 40,3 auf 46,8 kg. Wie sich die Situation bei den fast ausschließlich weiblichen Patientinnen allerdings nach dem stationären Aufenthalt entwickelte und ob es eine ambulante Nachsorge gab, ist noch unklar. "Wir schreiben die Mädchen derzeit an und sind selbst sehr gespannt auf die Ergebnisse."

Bei jugendlichen Adipositas-Patienten könne während eines stationären Aufenthaltes ein massiver Gewichtsverlust erzielt werden, hat Dr. Dirk Dammann von der Fachklinik Wangen berichtet. Wieder zu Hause, hätten viele Patienten die verlorenen Pfunde aber in kurzer Zeit wieder zugelegt. "Adipositas ist eine chronische Krankheit, die sich nicht mit einer einmaligen Intervention bessert. Eine ambulante Anbindung ist unbedingt vonnöten."

Hier fehle jedoch nach wie vor der politische Wille, Adipositas als Krankheit anzuerkennen. Außerdem sei es wichtig, die Familie in die Therapie einzubinden: Langfristige Erfolge zeigen sich nach Studiendaten vor allem dann, wenn auch die Eltern zu dauerhaften Verhaltensänderungen bereit sind.

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

ALS ist mit Demenz eng verwandt

Stephen Hawking ist wohl der berühmteste Patient, der an Amyotropher Lateralsklerose leidet.Forscher haben nun herausgefunden, dass ALS und temporale Demenz eng verwandte Krankheitsbilder sind. Das könnte Einfluss auf das Diagnoseverfahren haben. mehr »

Innovationsfonds startet in die Versorgungsrealität

Der Innovationsfonds ist offiziell in die Umsetzungsphase gestartet. Die 300 Millionen Euro für das Jahr 2016 teilen sich 91 Versorgungs- und Forschungsprojekte. mehr »

Sind Computer bald die besseren Psychotherapeuten?

Immer mehr Online-Psychotherapien drängen auf den Markt. Die meisten sind weder besonders einfühlsam noch allzu intelligent. Dennoch sind die Erfolge erstaunlich. mehr »