Ärzte Zeitung, 12.10.2009

Magersüchtig durch Mangel an Flexibilität?

Magersüchtige neigen bekanntlich zu Perfektionismus, zu zwanghaften Zügen und Angst vor Fehlern. Möglicherweise liegt das daran, dass sie an vertrauten Verhaltensweisen rigide festhalten.

Von Ingeborg Bördlein

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Mädchen und Frauen mit Anorexie fällt es offenbar schwer, gewohntes (Ess-)Verhalten zu ändern.

Foto: epd

HEIDELBERG. Bei Magersüchtigen ist offenbar die kognitive Flexibilität eingeschränkt, und daher halten sie sturer als gesunde Kontrollpersonen an gewohntem Verhalten fest. Hinweise darauf haben Heidelberger Wissenschaftler mit fMRT-kontrollierten Tests gefunden. So war im exekutiven Kontrollsystem des Gehirns, also im frontostriatalen System, bei der Lösung bestimmter Testaufgaben, die einen schnellen Verhaltenswechsel erfordern, die Aktivität im Vergleich mit gesunden Kontrollpersonen verringert.

Patienten konnten Geübtes nicht plötzlich ändern

Die Heidelberger Wissenschaftler um den Psychosomatiker Dr. Hans-Christoph Friederich untersuchten 30 Testpersonen mit fMRT auf flexible Verhaltensweisen. Die Hälfte von ihnen waren Anorexie-Patientinnen mit einem durchschnittlichen BMI von 15,7.

Die Probanden bekamen auf dem Bildschirm Quadrate unterschiedlicher Größe und Farben gezeigt. Sie sollten darauf mit einem rechten Mausklick reagieren. Zwischendurch wurden verschiedene andere Formen wie Kreise oder Dreiecke eingeblendet. Nur eine der alternativen Formen, also etwa nur Dreiecke, wurde dabei als Zielreiz definiert. Daraufhin mussten die Probanden die linke Maustaste drücken. Das jedoch bereitete ihnen Probleme: Sie konnten eine eingeübte Tätigkeit nicht so einfach ändern und drückten auch bei einem Zielreiz weiter die rechte statt der linken Taste, berichtete Friederich im Gespräch mit der "Ärzte Zeitung".

Die Analyse der MRT-Bilder ergab: Ein bestimmter Netzwerk-Pfad im Gehirn, nämlich die frontostriatalen Bahnen, die zwischen dem präfrontalem Kortex, den Basalganglien und dem Thalamus verlaufen, war im Vergleich zu den Kontrollpersonen weniger aktiv. Dieser Bereich - als exekutives Kontrollsystem bezeichnet - ist für die Handlungssteuerung und damit auch für einen Verhaltenswechsel zuständig.

"Es scheint so zu sein, dass die eingeschränkte kognitive Flexibilität bei Magersüchtigen ein sehr isoliertes Defizit ist", schließt Friederich aus den Untersuchungen. Das sei auch durch neuropsychologische Tests wie Aufmerksamkeits-Arbeitsgedächtnis- und Wortflüssigkeits-Tests bestätigt worden. Somit könnten die Ergebnisse dieser jetzt publizierten Studie eine neurobiologische Erklärung dafür geben, warum Magersüchtige so starr an ihren Essgewohnheiten festhalten (Am J Psychiatry 166, 2009, 608).

Vorerst gibt es nur Hinweise, aber sie sind eindrücklich

Diese Aussage sei natürlich noch durch weitere Untersuchungen zu belegen, schränkte Friederich ein. Zum einen habe er nur eine sehr kleine Zahl von Patienten untersucht. Zum anderen wisse man nicht, inwieweit das Untergewicht der Magersüchtigen die Messungen beeinflusse. Allerdings seien Patientinnen ausgewählt worden, deren BMI mit 15 immerhin noch so hoch liege, dass keine allgemeinen Funktionseinschränkungen bestünden.

Bei den Messungen registriere man nur indirekte Aktivierungen, nämlich in erster Linie Veränderungen der Durchblutung und des Sauerstoffangebots in diesen Arealen, aber nicht direkt Veränderungen im Hirnstoffwechsel. Dennoch sei bei den Patientinnen die Einschränkung in der kognitiven Flexibilität sehr eindrücklich gewesen, resümierte der Psychiater.

Lesen Sie dazu auch das Interview:
Dr. Friederich: Es geht darum, kognitive Flexibilität zu trainieren

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