Ärzte Zeitung, 21.06.2016

Wird oft übersehen

Normalgewichtig, aber trotzdem magersüchtig

Bei Magersucht denken die meisten an knochendürre Menschen: Das stimmt aber nicht immer. Wenn übergewichtige Mädchen zu schnell zu viel Gewicht verlieren, kann das genauso gefährlichsein - trotz Normalgewichts.

Von Thomas Müller

Normalgewichtig, aber trotzdem magersüchtig

Eine gestörte Körperwahrnehmung ist typisch für Patienten mit Essstörungen.

© RioPatuca Images / fotolia.com

MELBOURNE. Bei Anorexie denken die meisten an knochendürre Menschen. Doch auch bei relativ normalem Gewicht können Anorexiesymptome vorliegen, wenn übergewichtige und adipöse Personen plötzlich drastisch abnehmen.

Sind bis auf das Untergewicht alle Kriterien für eine Anorexie erfüllt - also etwa gestörtes Körperschema, ausgeprägte Furcht vor Gewichtszunahme und Fixierung auf die Kalorienvermeidung -, dann wird nach dem DSM 5 von atypischer Anorexie ausgegangen.

Diese Essstörung wird oft als weniger riskant angesehen. Nach Resultaten einer australischen Studie unterscheiden sich psychische und körperliche Beschwerden jedoch kaum von denen bei klassischer Anorexie.

Über 70 Prozent mit Übergewicht

Pädiater um Dr. Susan Sawyer von der Universität in Melbourne haben sich die Untersuchungsergebnisse von 256 Jugendlichen angeschaut, die mit Verdacht auf eine Essstörung an Spezialisten des Essstörungsprogramms der Uniklinik überstellt worden waren (Pediatrics 2016, online 29. März).

Die Patienten wurden anhand standardisierter Fragebögen und Untersuchungsprotokolle gründlich körperlich und psychisch untersucht. Dabei stellten die Ärzte bei 118 Patienten (46 Prozent) eine Anorexie fest, bei 42 (16 Prozent) eine atypische Anorexie.

Neun von zehn Betroffenen waren jeweils Mädchen, im Schnitt waren die Jugendlichen 15 bis 16 Jahre alt.

Voraussetzung für eine Anorexie war ein Körpergewicht von weniger als 89 Prozent des altersspezifischen Medians. Von einer atypischen Anorexie gingen die Ärzte aus, wenn das Gewicht über diesem Grenzwert lag, die Patienten jedoch mehr als 10 Prozent ihres prämorbiden Körpergewichts verloren hatten.

Der größte Unterschied zwischen Jugendlichen mit atypischer und klassischer Anorexie lag im Körpergewicht vor Beginn der Essstörung. Von denen mit atypischer Anorexie waren zuvor 71 Prozent übergewichtig oder adipös gewesen, von denen mit klassischer Anorexie nur 12 Prozent.

Niedriger Ruhepuls

Wenig überraschend hatten die Jugendlichen mit der atypischen Form deutlich stärker abgespeckt (17,6 vs 11,0 kg) und dafür auch etwas mehr Zeit benötigt (13,3 vs 10,2 Monate).

Bei der psychologischen und körperlichen Untersuchung gab es dagegen kaum Unterschiede: Der Ruhepuls war bei atypischer Anorexie ähnlich niedrig wie bei der klassischen Form (60 vs 59 pro Minute), eine Bradykardie (Puls unter 50/min) trat etwas seltener auf (24 vs 33 Prozent), eine orthostatische Instabilität wurde mit 43 vs 38 Prozent hingegen etwas häufiger festgestellt, die Unterschiede waren jedoch nicht statistisch signifikant.

Ähnliches ließ sich beim Anteil der Patienten mit Hypothermie beobachten (10 vs 13 Prozent). Nur der systolische Blutdruck war bei Jugendlichen mit atypischer Anorexie deutlich höher (106 vs 99 mmHg) und der Anteil Betroffener mit Amenorrhö signifikant niedriger (32 vs 61 Prozent).

Ein Drittel ist depressiv

Jugendliche mit der atypischen Form zeigten jedoch stärkere Symptome einer Essstörung bei der Befragung mit der Eating Disorder Examination (EDE). Sie hatten ein negativeres Körperbild und waren mit ihrem Gewicht noch unzufriedener als die deutlich dünneren Jugendlichen mit klassischer Anorexie.

Psychiatrische Komorbiditäten (38 vs 45 Prozent), Suizid- und Selbstschädigungsgedanken (43 vs 39 Prozent) waren bei beiden Verlaufsformen ähnlich häufig. Die Werte auf Zwangs- und Depressionsskalen unterschieden sich nicht signifikant.

Eine Depression wurde jeweils bei rund einem Drittel diagnostiziert, eine Angststörung bei 17 und 24 Prozent, eine Zwangsstörung bei 5 und 6 Prozent.

Die Forscher bewerten die atypische Anorexie daher als schwere Essstörung mit beträchtlichen körperlichen und psychischen Konsequenzen. Ein Viertel der Betroffenen hatten eine Bradykardie und ein Drittel eine Amenorrhö; 40 Prozent wurden stationär behandelt.

Dies sei wichtig zu wissen, da immer öfter Patienten mit Essstörungen in Kliniken eingeliefert würden, die nicht untergewichtig seien.

In Melbourne ist ihr Anteil binnen sechs Jahren von 8 Prozent auf knapp 50 Prozent gestiegen. Auch bei solchen Patienten sei eine gründliche körperliche (Puls, Temperatur, Blutdruck) und psychologische Untersuchung nötig, vor allem wenn Jugendliche mit Normalgewicht in kurzer Zeit drastisch an Gewicht verloren haben.

[22.06.2016, 09:52:56]
Wolfgang P. Bayerl 
Richtig Kollege Schätzler! einen schwarzen Schimmel gibt es nicht!
Natürlich gibt es bekannte Stoffwechselprobleme bei FALSCHEN "Radikaldiäten", die dummerweise ausgerechnet von Psychologen (Giesener Schule) eingeführt wurden (optifast etc.) und mit denen leider auch heute noch Geld verdient wird.
Das führt bekanntermaßen NICHT zum gewünschten Erfolg!!!
Der Wunsch ein Normalgewicht zu haben, ist ganz sicher keine psychische Erkrankung, schon gar nicht bei Übergewichtigen und den Anorexie-Kranken FEHLT dieser Wunsch.
Psychologen haben Unheil in die Übergewichtstherapie gebracht, weil sie die Stoffwechselwirkung falscher Diäten entweder gar nicht kennen, oder gar billigend in Kauf nehmen in dem sie falsche Prioritäten setzen.
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[21.06.2016, 16:00:56]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
Irgendwie ist alles Anorexie?
Liest man den Text dieser australischen Publikation von S. M. Sawyer et al. nicht irgendwie flüchtig "down under", sondern kritisch und genau, kommt man aus dem Staunen nicht mehr heraus:

Die Autoren definieren "atypische Anorexia nervosa (AN)" bei Adoleszenten als signifikanten Gewichtsverlust o h n e Untergewicht ["BACKGROUND AND OBJECTIVE: Adolescents with atypical anorexia nervosa (AN) have lost significant weight but are not underweight"].

Bei atypischer AN seien 71% prämorbid übergewichtig, bei typischer AN nur 12% übergewichtig gewesen: Doch wie bekommt man, bitteschön, zuverlässige "prämorbide" anthropometrische Daten im Wachstumsalter, bevor Krankheitsanlässe überhaupt auftreten? Und wie kann man Gewichtsverluste bei primär eher Übergewichtigen (atypische AN) mit zusätzlichen Gewichtsverlusten bei primär eher Untergewichten (typische AN) überhaupt vergleichen wollen? ["RESULTS: Compared with AN, more adolescents with atypical AN were premorbidly overweight or obese (71% vs 12%). They had lost more weight (17.6 kg vs 11.0 kg) over a longer period (13.3 vs 10.2 months)"].

Ansonsten zeigten beide Vergleichsgruppen das volle Programm der allgemein verbreiteten bio-psycho-sozialen adoleszenten Entwicklungs-, Reifungs- und Persönlichkeitskrisen: Herzrhythmus-, Orthostase- und Ess-Störungen, Distress bei Essverhalten und Körperbild. Befürchtungen bei Essen und Gewicht, JoJo-Effekte („bingeing“), Abführen, exzessives Körpertraining bzw. psychiatrische Co-Morbidität waren bei atypischer und typischer AN etwa gleich. ["Psychological morbidity measures included eating and weight concerns, bingeing, purging, compulsive exercise, and psychiatric comorbidity" ... "There was no significant difference in the frequency of bradycardia (24% vs 33%;) or orthostatic instability (43% vs 38%). We found no evidence of a difference in frequency of psychiatric comorbidities (38% vs 45%) or suicidal ideation (43% vs 39%). Distress related to eating and body image was more severe in atypical AN"].

Entscheidender systematischer Fehler der Studie: Eine Vergleichsgruppe von Adoleszenten o h n e AN fehlte völlig! Nicht mal der Gedanke, dass man übergewichtige, symptomatische jugendliche Typ-2-Diabetiker oder Adoleszente mit metabolischem Syndrom leitliniengerecht ebenfalls zu Gewichtsreduktion, Nahrungsumstellung, Sport und Bewegung anhalten und anleiten muss, kam den Studienautoren in den Sinn! Denn diese haben doch k e i n e atypische Anorexia nervosa, wie von Susan M. Sawyer et al. gefordert, sondern nur eine möglichst erfolgreiche Stoffwechselumstellung und Homöostase als Behandlungsziel.

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
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