Ärzte Zeitung, 23.06.2016

Essstörungen

Speisen werden anders wahrgenommen

Jugendliche mit Essanfall-Störung nehmen Bilder von Nahrungsmitteln anders wahr als gesunde Personen, hat eine Studie ergeben.

LEIPZIG. Wissenschaftler um Professor Anja Hilbert vom Integrierten Forschungs- und Behandlungszentrum (IFB) Adipositas-Erkrankungen an der Medizinischen Fakultät Leipzig legten Jugendlichen mit Essanfall-Störungen Bilder mit verschiedenen Motiven vor (J Psychiatr Res. 2016; 80: 22-29).

Im Vergleich zu gesunden Probanden schenkten die Jugendlichen mit Essanfall-Störungen (BED; Binge-Eating Disorder), den Bildern mit Nahrungsmitteln mehr Aufmerksamkeit.

Dies könne ausschlaggebend für die Auslösung und Aufrechterhaltung von Essanfällen sein, teilt die Universität Leipzig mit. Die Patienten verlieren die Kontrolle über das Essen.

In einer experimentellen Studie wurden Blickbewegungen und Reaktionszeiten von Jugendlichen mit BED im Alter von 12 bis 20 Jahren untersucht, heißt es in der Mitteilung.

Die Probanden sahen auf einem Monitor für jeweils drei Sekunden mehrere Bildpaare von Nahrungsreizen und neutralen Bildern (Naturbilder oder Alltagsgegenstände).

Die Bilder waren in Form und Farbe ähnlich. "Das Besondere an dieser Untersuchung ist, dass wir die Blickbewegungen der Probanden präzise aufzeichnen können und ein direktes Maß der visuellen Aufmerksamkeit erhalten", wird Hilbert in der Mitteilung zitiert.

Die Ergebnisse zeigen, dass Jugendliche mit BED intensiver auf Nahrungsreize reagieren. Sie haben Schwierigkeiten, ihre Aufmerksamkeit von diesen Bildern zu lösen.

Veränderter Aufmerksamkeitsprozess

Die Kontrollgruppe bestand aus sogenannten "statistischen Zwillingen": Jugendliche mit BED und Jugendliche ohne BED im gleichen Alter, mit gleichem Geschlecht und gleichem Gewichts- und sozioökonomischen Status schauten sich dieselben Bilder an.

Jugendliche mit BED können deutlich schneller als ihr statistischer Zwilling einen Nahrungsreiz unter Nicht-Nahrungsreizen entdecken.

"Anhand unserer Ergebnisse wird deutlich, dass die veränderten Aufmerksamkeitsprozesse im Zustand der Sättigung ein Merkmal gestörten Essverhaltens sein können und aus evolutionärer Sicht dysfunktional sind", so Dipl.-Psychologin Ricarda Schmidt aus Hilberts Team.

Die Forscher gehen davon aus, dass wichtige kognitive Funktionen zur Verhaltenskontrolle durch diesen Aufmerksamkeitsunterschied beeinträchtigt werden und enthemmtes Verhalten, wie es in Essanfällen auftritt, fördern.

Derzeit werden der Mitteilung zufolge am IFB neue Behandlungsansätze erforscht, die die Veränderung dieser neuropsychologischen Defizite in den Vordergrund stellen.

So wird unter anderem untersucht, ob ein Neurofeedback-Training bei erwachsenen Probanden mit BED wirksam zur Reduktion von Essanfällen ist.

In diesem Training sollen die Probanden lernen, ihre Hirnaktivität gezielt zu verändern und beim Anblick von Nahrungsbildern einen Zustand der bewussten Entspannung und Kontrolle zu erreichen. (eb)

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