Ärzte Zeitung, 28.09.2006

Panik-Attacken? Dann läßt L-Dopa-Wirkung nach

Schmerzen, Unruhe und Schweißausbrüche deuten auf Progression von M. Parkinson / Fragebogen zu Wearing-Off

MANNHEIM (mut). Nach einigen Jahren Parkinson-Therapie verkürzt sich die Wirkdauer der Medikamente - und die Patienten bekommen Symptome, die zunächst nicht auf die Parkinson-Erkrankung zurückgeführt werden, etwa Schweißausbrüche, Depressionen und Unruhe. Dann muß die Medikation neu angepaßt werden. Mit einem Fragebogen läßt sich einfach erkennen, ob dieser Zeitpunkt eingetreten ist.

Typische, nach vorne gebeugte Haltung bei einem Parkinson-Patienten. Foto: Deutsche Parkinson Vereinigung

Zu Beginn einer Parkinson-Therapie sprechen die Patienten meist sehr gut auf die dopaminerge Medikation an. Nach einigen Jahren benötigen sie jedoch immer mehr L-Dopa oder zusätzlich L-Dopa, wenn sie zunächst mit einem Dopamin-Agonisten behandelt worden sind. Schließlich kommt es zu Wearing-Off-Fluktuationen, das heißt, die Medikamentenwirkung läßt nach, weil die dopaminergen Nerven so weit degeneriert sind, daß sie kein Dopamin mehr speichern können.

Darauf hat Professor Wolfgang Jost von der Deutschen Klinik für Diagnostik in Wiesbaden beim Neurologie-Kongreß in Mannheim hingewiesen. Die Patienten benötigen dann Medikamente wie Entacapon (Comtess®, Stalevo®), die die Wirkdauer von L-Dopa verlängern, sagte Jost auf einem Symposium von Orion Pharma.

Ein Problem ist jedoch, Wirkungsfluktuationen rechtzeitig zu diagnostizieren, sagte Jost. "Meist erst, wenn die Patienten sagen, eine halbe Stunde vor der Medikamenten-Einnahme bin ich steif, werden die Wirkungsfluktuationen auch erkannt", berichtete Jost.

Wirkverlust ist anfangs schwer erkennbar.    
   

Tatsächlich hätten die Patienten oft schon lange davor motorische und nicht-motorische Beschwerden, die häufig nicht als Zeichen einer nachlassenden Medikamentenwirkung erkannt würden. So klagen die Patienten über eine starke Müdigkeit, gefolgt von Phasen der Unruhe, über starke Schweißausbrüche oder über ausgeprägte Stimmungsschwankungen - Zeiten, in denen sie sich depressiv fühlen und zurückziehen, folgen auf kommunikative Phasen.

Anzeichen eines Wearing-Off können auch Schmerzen vor der morgendlichen L-Dopa-Dosis sein, Konzentrations- und Gedächtnisstörungen, Muskelkrämpfe sowie Angst- und Panik-Attacken. Oft berichten die Patienten auch, daß morgens das Kopfkissen naß ist, weil nachts Speichel ausgeflossen ist, oder daß bei körperlicher Anstrengung plötzlich die Beweglichkeit nachläßt und ein Tremor auftritt.

Bisher gebe es keinen validierten Fragebogen, um ein solches Wearing-Off frühzeitig zu erkennen, sagte Jost. Interessierte Ärzte können jetzt aber bei dem Unternehmen ein Faltblatt mit einem Patienten-Fragebogen zu den wichtigsten Wearing-Off-Frühsymptomen bestellen.

Der Fragebogen enthält sieben Fragen zu den genannten Wearing-Off-Symptomen und läßt sich von den Patienten in wenigen Minuten ausfüllen.

Info: Den Fragebogen können Ärzte kostenlos beim Unternehmen Orion Pharma bestellen. Tel.: 08 00 / 6 74 66 74, Fax: 08 00 / 6 74 66 75.

STICHWORT

Wearing-Off

Bezeichnung: "Wearing-Off" kennzeichnet bei Parkinson-Patienten eine Phase, in der bereits vor der regulären nächsten Medikamenten-Einnahme erneut Symptome auftreten oder die bestehenden Symptome stärker ausgeprägt sind.

Ursache: Schreitet die Parkinson-Krankheit fort, können die Nervenzellen der Patienten immer weniger Dopamin produzieren. Auch die Speicherkapazität der Nerven-Endigungen für Dopamin sinkt - die Beweglichkeit der Patienten hängt dann zunehmend vom Wirkspiegel der Anti-Parkinson-Medikamente ab.

Folgen: Es kommt zunehmend zu Wirkungsfluktuationen: Die Patienten wechseln zwischen Phasen schlechter Beweglichkeit (Off-Phasen), wenn der L-Dopa-Spiegel sinkt, und Phasen guter Beweglichkeit (On-Phasen), wenn der L-Dopa-Spiegel hoch ist. (mut)

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