Ärzte Zeitung, 12.09.2007

Parkinson-Kranke brauchen oft Antidepressiva

Depressionen sind häufigste psychische Komplikation bei M. Parkinson / Auch Dopamin-Agonist hebt die Stimmung

BRÜSSEL (nsi). Etwa vier von zehn Parkinson-Patienten haben eine klinisch manifeste Depression. Die Depressionen kommen in allen Krankheitsstadien vor. Sie können in der Frühphase der Erkrankung den Kardinalsymptomen Rigor, Tremor und Akinese vorausgehen. Mit Antidepressiva, aber auch dem Dopamin-Agonisten Pramipexol, lässt sich die Stimmung häufig heben.

Typische, nach vorne gebeugte Haltung bei einem Parkinson-Patienten. Morbus Parkinson geht oft mit Depressionen einher. Foto: Deutsche Parkinson Vereinigung

"Depressionen sind die häufigste psychiatrische Komplikation bei Patienten mit Morbus Parkinson und sie sind meist entscheidend dafür, wie die Betroffenen ihre Lebensqualität empfinden", hat der Neurologe und Psychiater Professor Matthias Lemke von den Rheinischen Kliniken Bonn berichtet. Depressionen seien bereits in der Frühphase der Erkrankung häufig, so Lemke auf einer Veranstaltung von Boehringer Ingelheim beim europäischen Neurologenkongress in Brüssel.

45 Prozent der Patienten hatten Depressionen

Das bestätigen die Daten der PRODEST-Studie mit über 1000 Parkinson-Patienten. Bei Patienten, die gut auf Levodopa ansprachen und noch keine motorischen Komplikationen hatten, wurde die Krankheit als frühes Stadium klassifiziert, bei Patienten mit solchen Komplikationen als fortgeschrittenes Stadium.

In beiden Gruppen - sie machten jeweils etwa die Hälfte der Teilnehmer aus - waren Depressionen mit einem Anteil von etwa 45 Prozent ähnlich häufig. "Oft geht eine Depression den motorischen Symptomen voraus oder begleitet sehr milde, Parkinson-typische Bewegungsstörungen, die nur mit einem geschulten Blick wahrnehmbar sind", sagte Professor Werner Poewe von der Uni Innsbruck.

So, wie bei dem 35-jährigen Mann, der Poewe über einen Stimmungsabfall mit verminderter geistiger Flexibilität berichtet hatte. Die Kombination aus psychiatrischen Beschwerden und unilateral leicht verlangsamten Bewegungen deuteten auf Morbus Parkinson hin, erläuterte Poewe. Der Patient erhalte den non-ergolinen Dopamin-Agonisten Pramipexol (Sifrol®). Das Medikament binde nicht nur an Dopamin-D2-Rezeptoren in der Substantia nigra, sondern mit hoher Affinität auch an D3-Rezeptoren im mesolimbischen System, von dem aus Stimmung und Verhalten moduliert würden. So lasse sich erklären, dass Pramipexol nicht nur Rigor, Tremor und Akinese lindere, sondern auch Depressionen reduziere und den Antrieb steigere.

Dopamin-Agonist lässt sich mit SSRI kombinieren

Lemke bezeichnete Pramipexol für neu diagnostizierte Parkinson-Patienten vor allem dann als Medikament erster Wahl, wenn die Stimmung beeinträchtigt sei. Der Dopamin-Agonist lasse sich bei Bedarf auch mit SSRI oder Trizyklika kombinieren. Lithium sei bei Patienten mit Morbus Parkinson nicht angezeigt.

DIE STUDIE IN KÜRZE

Bezeichnung: PRODEST steht für "Profile of Depressive Symptoms in Parkinson‘s Disease".

Fragestellung: Häufigkeit von Depressionen und kognitiven Einschränkungen bei Parkinson-Patienten. Art und Häufigkeit einer antidepressiven Therapie.

Teilnehmer: 1016 Parkinson-Patienten aus 24 europäischen Zentren.

Ergebnisse: Intellektuelle Einschränkungen (gemessen mit dem Mini-Mental-Status-Test) hatten knapp 40 Prozent der Patienten, Depressionen 45 Prozent und Antriebsschwäche 47 Prozent der Teilnehmer.

Therapiestatus: 21 Prozent der Teilnehmer erhielten Antidepressiva, die meisten (47 Prozent) selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI). Auch trizyklische Antidepressiva, MAO-Hemmer und Benzodiazepine wurden verschrieben. Trotz Medikation persistierten die Symptome der Depression bei 44 Prozent derer, die Psychopharmaka erhielten.

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