Ärzte Zeitung, 14.11.2007

Arznei kurbelt die Neurogenese an

In Tierversuchen ließ sich die Proliferation neuronaler Zellen mit Pramipexol um 38 Prozent steigern

BERLIN (ugr). Eine frühzeitige Therapie mit Dopamin-Agonisten kann bei Parkinson-Patienten offenbar die Neubildung von Nervenzellen stimulieren. Untersuchungen deuten darauf hin, dass die Medikamente zudem das Überleben neu gebildeter Neurone fördern.

Typische, nach vorne gebeugte Haltung bei einem Patienten mit einer Parkinson-Erkrankung.

Erst seit zwei Jahrzehnten ist bekannt, dass das Gehirn bei Erwachsenen in der Lage ist, kontinuierlich neue Nervenzellen aus neuronalen Stammzellen zu erzeugen. "In Gehirnen von Parkinson-Patienten ist die Proliferation neuronaler Vorläuferzellen jedoch reduziert", hat Professor Jürgen Winkler von der Uniklinik Regensburg berichtet. Außerdem würden die jungen, frischen Zellen durch Apoptose schnell wieder sterben, so Winkler auf einem Symposium von Boehringer Ingelheim in Berlin.

Um die Wirkung einer neuroprotektiven Therapie zu untersuchen, eignet sich bei Parkinson-Patienten offenbar vor allem der Bulbus olfactorius. Zum einen sterben Nervenzellen im Bulbus olfactorius schon relativ früh im Verlauf der Parkinson-Krankheit ab: Ein olfaktorisches Defizit ist bekanntlich ein Frühsymptom bei Parkinson. Etwa 75 bis 90 Prozent der Patienten haben eine Störung der Geruchswahrnehmung. Zum anderen werden auch im Riechkolben neue dopaminerge Neurone gebildet, sagte Winkler.

In Tierversuchen hat Winkler den Dopamin-Agonisten Pramipexol (Sifrol®) oral appliziert und damit die Proliferation neuronaler Zellen im Bulbus olfactorius um 38 Prozent gesteigert. "Außerdem überlebten wesentlich mehr dieser neuen Zellen; sie waren besser als andere vor der Apoptose geschützt", sagte Winkler.

Dopamin-Agonisten lindern bei Parkinson über einen langen Zeitraum motorische Symptome, den Untergang dopaminerger Nervenzellen können sie aber nicht verhindern. "Daher gewinnt der Ansatz, die Neurogenese zu stimulieren und so den Zellverlust auszugleichen immer mehr an Attraktivität", so Winkler.

Wichtig sei es, möglichst schon in der prämotorischen Phase der Erkrankung, die sich mit Geruchs- und Schlafstörungen, eventuell kognitiven und psychiatrischen Symptomen bemerkbar mache, zu behandeln. Winkler: "In diesem Stadium läuft die Neurodegeneration wahrscheinlich schon seit zehn Jahren. Gelingt es uns, diese Risikopopulation zu identifizieren, könnten degenerative Prozesse vielleicht noch aufgehalten und zugleich die Neurogenese angekurbelt werden."

STICHWORT

Hoehn-Yahr-Skala bei M. Parkinson

Stadium I: Einseitig Symptome, keine oder nur geringe Beeinträchtigung.

Stadium II: Beidseitige Symptome, noch keine Haltungsinstabilität.

Stadium III: Mäßige Behinderung mit leichter Haltungsinstabilität.

Stadium IV: Vollbild bei Morbus Parkinson mit starker Behinderung. Die Patienten können aber noch ohne Hilfe gehen und stehen.

Stadium V: Patienten sind an Rollstuhl oder Bett gebunden und auf die Hilfe Dritter angewiesen.

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