Ärzte Zeitung, 28.02.2012

Interview

Umweltgifte fördern Morbus Parkinson

Eine der häufigsten neurologischen Erkrankungen in Deutschland ist das idiopathische Parkinsonsyndrom. Über aktuelle Daten zu einem möglichen Auslöser der Erkrankung und weitere neurologische Themen wird Professor Frank Erbguth, Nürnberg, beim PraxisUpdate sprechen.

Umweltgifte fördern Morbus Parkinson

Arbeit im Chemielabor: Für Trichlorethylen und Perchlorethylen wurde ein erhöhtes Parkinson-Risiko gefunden.

© Alexander Raths / shutterstock

Ärzte Zeitung: Herr Professor Erbguth, mit 100 bis 200 pro 100 000 Einwohner ist das idiopathische Parkinsonsyndrom recht häufig. Gibt es spezielle Risikofaktoren für sein Auftreten?

Prof. Dr. Dipl. Psych. Frank Erbguth

Umweltgifte fördern Morbus Parkinson

© privat

Aktuelle Position: Chefarzt der Klinik für Neurologie Klinikum Nürnberg

Werdegang/Ausbildung: 1976-1983 Studium der Humanmedizin und Psychologie an der Friedrich-Alexander-Universität (FAU) Erlangen-Nürnberg; 1983 Erlangung der Approbation; 1984 Promotion; 1990 Dipl. Psych.; 1996 Habilitation für das Fach "Neurologie" an der Universität Erlangen-Nürnberg.

Karriere: 1994-2001 Oberarzt an der Neurologischen Klinik der FAU Erlangen-Nürnberg; seit 2001 Chefarzt der Klinik für Neurologie des Klinikums

Professor Frank Erbguth: Schon länger wurden aufgrund von Tierversuchen und empirischen Beobachtungen diverse Pestizide oder Lösungsmittel als Parkinson fördernd verdächtigt. Letztere wurden in einer aktuellen Studie an 99 Zwillingspaaren genauer untersucht, von denen jeweils ein Zwilling an Parkinson erkrankt war.

Ärzte Zeitung: Damit wurden genetische und sozio-ökonomische Einflüsse weitgehend ausgeschlossen ...

Erbguth: Richtig, es sollte explizit die Bedeutung einiger Umweltgifte untersucht werden, denen die Teilnehmer durch Beruf oder Hobby ausgesetzt waren.

Ärzte Zeitung: Welche Toxine wurden in die Studie einbezogen?

Erbguth: Es wurden Trichlorethylen, Perchlorethylen, Toluol, Xylol, n-Hexan und Tetrachlorkohlenstoff betrachtet. Tatsächlich wurde eine Vervielfachung des Krankheitsrisikos gefunden, allerdings nur für Trichlorethylen und Perchlorethylen.

Ärzte Zeitung: Wie aussagekräftig sind die Studienergebnisse?

Erbguth: Es gab neun Zwillingspaare, bei denen je ein Zwilling Trichlorethylen ausgesetzt gewesen und nun an Parkinson erkrankt war, während der andere Zwilling ohne Exposition und ohne Erkrankung war. Der umgekehrte Fall - Erkrankung beim nicht Exponierten - wurde nur zweimal beobachtet. Dies war signifikant mit p gleich 0,034. Für das chemisch verwandte Perchlorethylen fand sich "nur" eine Tendenz mit p gleich 0,053.

Ärzte Zeitung: Spielten Frequenz und Dauer der Exposition eine Rolle?

Erbguth: Es zeigte sich ein Dosis effekt. Auffällig war, dass die Erkrankung noch bis zu 40 Jahre nach dem ersten Kontakt einsetzte.

Ärzte Zeitung: Was können Haus- und Betriebsärzte raten?

Èrbguth: Personen, die in der Metall verarbeitenden Industrie, Luft- und Raumfahrtindustrie oder Asphaltprüfung tätig sind, sollten alle Arbeitsschutzmaßnahmen einhalten.

Vorsorgliche Screenings für diese und weitere Personen, etwa bei früherer Tätigkeit mit Klebstoffen, Farben, Lacken, in Druckereien, Laboratorien oder einer chemischen Reinigung, sind aber nicht zielführend: Unsere Therapieangebote setzen bekanntlich erst ab Symptombeginn ein.

Das Gespräch führte Simone Reisdorf.

16 CME-Punkte für das Praxis-Update

Das Praxis Update findet an vier Orten und zwei Terminen statt: am 27. und 28. April 2012 in Berlin und München, am 4. und 5. Mai 2012 in Wiesbaden und Köln.

Für das Praxis Update 2012 wird bei den jeweiligen (Landes-) Ärztekammern die Zertifizierung als Fortbildung der Kategorie A beantragt.

Für die Teilnahme an beiden Tagen gab es bisher 16 CME-Punkte.

Weitere Informationen unter: www.praxis-update.com

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