Erfolglose Radikalfänger

Koenzym Q10 kann Parkinson nicht bremsen

Eine große Phase-III-Studie schafft jetzt Klarheit: Mit Coenzym Q lässt sich Parkinson auch im frühen Stadium nicht bremsen. Eher scheint der Radikalfänger die Erkrankung noch zu beschleunigen.

Von Thomas Müller Veröffentlicht:
Tremor bei Parkinson: Der Radikalfänger Q10 scheint die Erkrankung eher noch zu beschleunigen.

Tremor bei Parkinson: Der Radikalfänger Q10 scheint die Erkrankung eher noch zu beschleunigen.

© Ralf Dolberg

NEW YORK. Die Hypothese vom oxidativen Stress bei Parkinson hat mit dieser Studie einen schweren Schlag bekommen: Wissenschaftlern ist es jedenfalls nicht gelungen, mit hoch dosiertem Coenzym Q 10 (Ubichinon-10, Q10) die Krankheit in einem sehr frühen Stadium zu verlangsamen (JAMA Neurol 2014, online 24. März).

Ein Nutzen des Koenzyms ist zunächst angenommen worden, weil es Hinweise gibt, nach denen bei Parkinson eine Störung der Elektronentransportkette in den Mitochondrien vorliegt.

Diese Störung, so die Hypothese, führt über die vermehrte Bildung freier Sauerstoffradikale zur Neurodegeneration. Q10 ist ein wichtiger Bestandteil der Atmungskette und bremst die Bildung schädlicher Sauerstoffradikale.

Tatsächlich scheinen Parkinsonkranke zu wenig Q10 in ihren neuronalen Mitochondrien zu haben, umgekehrt zeigte das Koenzym in Zellkulturstudien neuroprotektive Eigenschaften, und im Parkinson-Tiermodell ließ sich der Effekt des dopaminergen Neuronen-Killers MPTP (Methyl-Phenyl-Tetrahydropyridin) abschwächen. Gute Gründe also, auch eine protektive Wirkung bei Menschen anzunehmen.

Schlechtere Werte mit Q10

In Phase-II-Studien waren die Effekte zunächst sehr interpretationsbedürftig. Ein klinischer Nutzen ließ sich schon hier nicht zeigen, jedoch gab es in einer Studie einen Trend zu einer Verlangsamung der Erkrankung.

Eine weitere Studie einer deutschen Arbeitsgruppe deutet auf eine Verbesserung der Mitochondrienfunktion. Solche Ergebnisse nährten die Hoffnung auf eine krankheitsmodifizierende Wirkung von Q10. Neurologen aus den USA und Kanada haben sich daher für einen weiteren Therapieversuch zur Parkinson Study Group QE3 zusammengeschlossen.

In einer mit öffentlichen Mitteln und Stiftungsgeldern finanzierten Phase-III-Studie suchte sie nach krankheitsmodifizierenden Effekten bei noch unbehandelten Patienten in einem sehr frühen Stadium. Die Symptome der Patienten mussten so schwach sein, dass sie noch keine Therapie mit Parkinsonmitteln benötigten.

Für ihre Studie konnten die Forscher 600 Patienten gewinnen. Im Schnitt lag deren Parkinsondiagnose erst ein halbes Jahr zurück. Die Patienten bekamen nun täglich entweder Placebo oder 1200 mg oder 2400 mg Q10. Primärer Endpunkt war die Veränderung der motorischen Werte auf der Parkinsonskala UPDRS. Geplant war eine Dauer von 16 Monaten, die Studie wurde jedoch vorzeitig abgebrochen, als klar war, dass bis zum Ende keine signifikanten Unterschiede mehr möglich waren.

Die Ergebnisse: Zu Beginn lag der UPDRS-Wert bei knapp 23 Punkten. Zum Studienende war er in der Placebogruppe um 6,9 Punkte gestiegen.

Noch mehr verschlechtert hatte sich der Wert in den beiden Q10-Gruppen, und zwar um 7,5 Punkte mit 1200 mg der Substanz und um 8,0 Punkte mit der höheren Dosis. Die Unterschiede waren allerdings alle statistisch nicht signifikant.

Kommt die Therapie zu spät?

Auch mit Blick auf die Subgruppen konnten die Forscher keinen Honig aus der Studie saugen: Egal ob männlich oder weiblich, alt oder jung, weniger oder stärker erkrankt - nirgends offenbarten sich statistische Signifikanzen. Immerhin zeigten sich bei den Nebenwirkungen auch keine größeren Unterschiede. Lediglich bei einer gastrointestinalen Blutung bestand der Verdacht, dass diese mit der Medikation in Zusammenhang stehen könnte.

Möglicherweise, so vermuten die Forscher, ist die Störung der Mitochondrienfunktion doch eher eine Folge und nicht eine Ursache der Erkrankung. Eine andere Erklärung wäre, dass die Therapie auch bei einer frühen Parkinsonerkrankung viel zu spät kommt.

Immerhin sind zum Zeitpunkt der Diagnose schon die meisten dopaminergen Neuronen in der Substantia nigra abgestorben, eine neuroprotektive Therapie müsste wohl viel früher beginnen. Auch war die Studiendauer mit 16 Monaten etwas kurz angesetzt. In einer Studie bei Huntington-Patienten zeigten sich positive Effekte von Q10 erst nach zwei Jahren, berichten die Neurologen.

Dennoch dürfte des Thema Q10 und Parkinson nun endgültig erledigt sein. Die Studienautoren fordern ausnahmsweise auch keine weiteren Studien, um offene Fragen zu klären, sondern beenden ihre Publikation mit dem Satz: "Wir können Q10 nicht zur Behandlung bei frühem Parkinson empfehlen."

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Kommentare
Dr. Herwig Meschke 24.07.201510:30 Uhr

Coenzym Q10 hilft Parkinson-Kranken vielleicht doch

Durchgeführte Studien zum Thema Coenzym Q10 (CoQ10) und Parkinson-Erkrankung zeigten widersprüchliche Ergebnisse. Das setzt sich auch hier fort.

»Mit Coenzym Q10 lässt sich Parkinson auch im frühen Stadium nicht bremsen. Eher scheint der Radikalfänger die Erkrankung noch zu beschleunigen«. Dieses hier gezogene Fazit läßt sich nicht halten, wenn man sich genauer mit den dargestellten Daten und der durchgeführten statistischen Analyse beschäftigt:

Die Teilnahme der Patienten an der Studie konnte vorzeitig enden, entweder aus eigenem Antrieb (»Withdrew«) oder wenn nach klinischem Urteil eine symptomatische Therapie mittels dopaminerger Medikation notwendig wurde (»Reached end point«).

Abbildung 1 (S. 545) des Originalartikels zeigt, dass in der Placebogruppe 61%, in den Verumgruppen nur 53% der Patienten die Studie vorzeitig (vor dem 16. Monat) beendeten. Dies spricht tendenziell für einen Vorteil der Medikation mit CoQ10 (Einseitiger Fisher-Test: p<0.0385), da die symptomatische Therapie in den CoQ10-Gruppen erst später notwendig wurde.

Primäres Erfolgsmaß der Studie war der UPDRS-Gesamtscore, eine Summenskala verschiedener Parkinson-Symptome. Abbildung 2 (S. 547) zeigt, dass diese Beeinträchtigungen über den Studienverlauf kontinuierlich zunehmen. Gleichzeitig wird in der Legende berichtet, dass beim vorletzten Untersuchungstermin noch 322, beim letzten nur noch 229 von 600 Teilnehmern dabei waren.

Für die statistische Analyse wird der für jeden Teilnehmer letzte verfügbare UPDRS-Wert verwendet. Wenn Studienteilnehmer in einer Gruppe, wie hier in der Placebo-Gruppe, eher zeitliche frühere und damit niedrigere Symptom-Werte im Vergleich zu den anderen Gruppen aufweisen, kann eine Verzerrung der Gruppenmittelwerte entstehen: die Werte für die Placebo-Gruppe werden dann als zu niedrig ausgewiesen, ein Vorteil der CoQ10-Gruppen maskiert.

Diese Problematik der LOCF-Analyse ( »last observation carried forward«) bei progredienten Krankheitsverläufen ist bekannt.

Das oben genannte positive Ergebnis sowie mögliche Verzerrungen durch das verwendete Analyseverfahren widersprechen der Einschätzung, daß CoQ10 zu einer Verschlechterung führt.

Möglicherweise kann Coenzym Q10 Parkinson-Patienten also doch helfen. Eine Reanalyse der vorliegenden Daten wäre sinnvoll.

Dr. Herwig Meschke
http://Moderne-Statistik.de

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