Ärzte Zeitung, 04.10.2005

Plädoyer für eine bessere Schulung von Patienten mit Multipler Sklerose

Patienten müssen wissen, daß eine frühe Therapie den Krankheitsverlauf bremst

WIESBADEN (ner). Zehn bis 20 Prozent der Patienten mit Multipler Sklerose (MS) brechen ihre immunmodulatorische Behandlung innerhalb eines halben Jahres ab. Dies ist fatal, weil die Entzündungshemmung in der Frühphase der Erkrankung entscheidend die Prognose der MS beeinflußt.

Insgesamt breche jeder dritte MS-Patient seine Behandlung innerhalb von fünf Jahren ab, sagte Professor Ralf Gold von der Universität Göttingen beim Neurologen-Kongreß in Wiesbaden, die meisten innerhalb der ersten drei bis sechs Monate nach Behandlungsbeginn.

In klinischen Studien sei die Abbruchrate mit acht bis 15 Prozent dagegen deutlich niedriger, so Gold bei einem vom Unternehmen Biogen Idec unterstützten Satellitensymposium. Dies bedeute, daß es ein Potential zur Verbesserung der Alltagscompliance gebe.

Ein Wechsel des immunmodulatorischen Präparates (Interferon-beta-1a/b, Glatirameracetat) bringe dagegen keine klinische Verbesserung, wie Studien ergeben hätten. Das Unternehmen bietet intramuskulär injiziertes Interferon-beta-1a als Avonex® an. Der Neurologe plädierte für eine verbesserte Schulung der Patienten sowie die Einbeziehung von MS-Krankenschwestern in die Behandlung.

30 Prozent der Patienten brächen die Interferon-Therapie wegen scheinbarer Unwirksamkeit und mehr als die Hälfte wegen unerwünschter Wirkungen wie grippeähnlichen Symptomen, Depressionen und anderem ab. Mehr Wissen über den natürlichen Krankheitsverlauf sowie Aufklärung, vor allem bei Behandlungsbeginn, würden auch realistische Erwartungen an die Therapie generieren, meint Gold.

Patienten sollten wissen, daß sich nach 25 Jahren 90 Prozent der unbehandelten Patienten in der progredienten Phase mit schweren Nervenschäden befinden. Bei hoher Schubfrequenz sind sie sogar bereits nach zehn Jahren gehunfähig. Die antientzündliche Therapie mit Immunmodulatoren in der Frühphase der Erkrankung kann diese Prozesse jedoch aufhalten.

Geschulte MS-Krankenschwestern könnten spezielle Problemfelder der Patienten identifizieren und gemeinsam mit ihnen Lösungsmöglichkeiten erarbeiten. Dies habe in Studien zu einer deutlich erhöhten Therapieadhärenz geführt, sagte Gold. Einbezogen werden sollten auch Physio- und Psychotherapeuten.

Genauer nachgegangen wird der Compliance-Problematik jetzt auch mit dem Global Adherence Projekt (GAP), einer internationalen Beobachtungsstudie bei bis zu 2000 Patienten mit schubförmiger MS, die auf Interferon-beta-1a/b oder Glatirameracetat eingestellt worden sind.

STICHWORT

Compliance

Compliance beschreibt die Tatsache, daß die Heilung vieler Krankheiten ein kooperatives Verhalten der Patienten voraussetzt. Dies bedeutet, daß Regeln befolgt werden müssen, zum Beispiel bei der Medikamenteneinnahme und beim Lebensstil. Adhärenz beschreibt den Grad der Übereinstimmung zwischen Patientenverhalten und validen Behandlungsempfehlungen, sagt der MS-Therapeut Professor Ralf Gold aus Göttingen.

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