Ärzte Zeitung, 07.06.2006

Überarbeitete Kriterien vereinfachen Diagnostik von MS

Revision 2005: Diagnose-Schema nach McDonald für Multiple Sklerose in neuer Version / Ziel ist es, den Therapiebeginn zu beschleunigen

MÜNCHEN (djb). Mit der vor kurzem revidierten Fassung der McDonald-Kriterien zur Diagnostik der Multiplen Sklerose (MS) ist die Diagnose früher als bisher möglich. Auch die immunmodulatorische Behandlung der Patienten kann somit eher begonnen werden.

Bereits früh im Krankheitsverlauf der MS treten irreversible axonale Schäden auf. Einer möglichst frühzeitigen Therapie kommt daher große prognostische Bedeutung zu. Klinische Studien haben belegt, daß eine immunmodulatorische Basistherapie mit Interferon-beta (etwa Rebif®) unmittelbar nach dem ersten neurologischen Ereignis einen zweiten klinischen Schub signifikant verzögern kann. Außerdem wird die MS-Aktivität und das Ausmaß von Läsionen - mit MRT nachgewiesen - reduziert.

Die revidierte Version der McDonald-Kriterien ("Revision 2005", Ann Neurol 58, 2005, 840), die den aktuellen Erkenntnissen zur Pathologie der MS angepaßt wurde, erlaubt eine noch frühere Diagnose und Therapie - ohne Sensitivität oder Spezifität einzubüßen. Die revidierten Kriterien von 2005 hat Professor Hans-Peter Hartung aus Düsseldorf bei einer Fortbildungsveranstaltung in München vorgestellt. Die neue Version basiert weiterhin auf den umfassenden klinisch-neurologischen Untersuchungen der MS-Symptome. Zur Verifizierung der zeitlichen und räumlichen Dissemination der Läsionen werden MRT- und Liquor- sowie elektrophysiologische Untersuchungen einbezogen.

Zum Nachweis der zeitlichen Dissemination bei nur einem klinischen Schub genügt den revidierten Kriterien zufolge das Auftreten einer neuen, Gadolinium-anreichernden Läsion im MRT an anderer Stelle. Gadolinium ist ein Kontrastmittel, das sich im Gehirn spezifisch dort anreichert, wo die herdförmigen Entzündungsprozesse ablaufen.

Zum Nachweis genügt zudem das Auftreten der Läsionen mindestens drei Monate nach Beginn der ersten klinischen Beschwerden oder das Auftreten einer neuen T2-Läsion zu jedem Zeitpunkt im Vergleich zu einem Referenz-Scan. Das erläuterte Hartung bei der von dem Unternehmen Serono initiierten Veranstaltung. T2 beschreibt die transversale Relaxationszeit, das ist die Dauer bis zum Abklingen des Signals der Wasserstoff-Kerne.

Beim Nachweis der räumlichen Dissemination im MRT werden jetzt außerdem spinale Läsionen einbezogen. Auch die Diagnosekriterien für den primär progredienten MS-Verlauf wurden in der "Revision 2005" überarbeitet: Ein positiver Liquorbefund ist danach nicht mehr zwingend erforderlich. Voraussetzung ist eine anhaltende Progression über ein Jahr, ergänzt durch einen zerebralen oder spinalen MRT- oder positiven Liquor-Befund.

Weitere Informationen auf der Internetseite der Deutschen Multiplen Sklerose Gesellschaft: www.dmsg.de

FAZIT

Die Revision 2005 unterstreicht die Bedeutung objektiver klinischer, bildgebender und Labor-Untersuchungen. Sie betont den subjektiven Prozeß der MS-Diagnose. Diese sollte durch einen Experten erfolgen, der bildgebende nd Laboruntersuchungen mit den klinischen Ergebnissen gemeinsam interpretiert. (DMSG)

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