Ärzte Zeitung, 29.08.2006

Neue Option bei Multipler Sklerose

Natalizumab hilft Patienten mit starker Progression / Nicht zur Kombitherapie indiziert

BERLIN (gvg). Der gegen Signalmoleküle auf Lymphozyten gerichtete Antikörper Natalizumab ist vor allem für Patienten mit therapieresistenter und mit rasch progredienter Multipler Sklerose (MS) eine Option. Wichtig ist eine gute Therapie-Überwachung.

MRT-Aufnahme: Im Gehirn eines Patienten mit MS im Frühstadium sind kleine Entzündungsherde (Pfeile) zu erkennen. Foto: Dr. Peter Flachenecker, Uni Würzburg

Natalizumab (Tysabri®) wurde - wie berichtet - sowohl in Europa als auch in den USA für die Therapie von Patienten mit MS zugelassen. Die Substanz kann die Schubrate um zwei Drittel und den Anteil der Patienten, bei denen die Behinderung fortschreitet, um etwa 40 Prozent vermindern. Ein Schub ist dabei definiert als Auftreten neurologischer Ausfälle oder als Verschlechterung der Symptome über mindestens 24 Stunden.

Natalizumab steht auch nach Marktzulassung unter kontinuierlicher und systematischer Überwachung der Sicherheit. Grund hierfür ist, daß in der Zulassungsstudie bei drei Patienten, die zusätzlich andere immunsuppressive Medikamente (Interferon-beta, Azathioprin) erhalten hatten, eine progressive, multifokale Leukoenzephalopathie (PML) aufgetreten war. Zwei Patienten starben.

Natalizumab darf in Deutschland nur von Neurologen verordnet werden. Außerdem wird eine Anwendungsbeobachtung mit 5000 Patienten gemacht. Ein verpflichtendes Register, wie in den USA, verlangt die Europäische Arzneimittelbehörde EMEA nicht.

"Kandidaten für eine Natalizumab-Therapie sind Patienten mit schubförmiger MS, die auf eine Basistherapie mit Interferon-beta nicht ansprechen und die im Jahr vor Therapiebeginn mindestens einen MS-Schub hatten", sagte der MS-Spezialist Professor Ralf Gold aus Göttingen. Diese Patienten wurden bisher mit Zytostatika wie Mitoxantron oder Cyclophosphamid behandelt.

Auch bei bisher unbehandelten Patienten mit schon zu Beginn hoher Krankheitsaktivität und rascher Progression könnte mit Natalizumab therapiert werden, so Gold. Denn die Substanz, die einmal im Monat als Infusion appliziert wird, könne das Fortschreiten der Behinderung stärker bremsen als andere Präparate.

Einige Regeln müßten bei der Anwendung von Natalizumab beachtet werden, sagte Gold. So dürfe es wegen der Gefahr der PML keinesfalls mit anderen Immunsuppressiva kombiniert werden. Bei einer Monotherapie seien nach bisherigen Erkenntnissen keine Probleme zu erwarten. Nur dafür ist Natalizumab zugelassen. Kein Problem für eine Natalizumab-Therapie seien die im Schub genutzten Glukokortikoide, betonte Gold auf der von dem Unternehmen Biogen Idec unterstützten Veranstaltung.

Auf jeden Fall sollten Ärzte, die Natalizumab verwenden, auf neurologische Symptome noch stärker achten als sonst bei MS. Da die PML multifokal und nicht gehäuft in bestimmten Hirnarealen auftritt, hat sie keine typischen Symptome. Daher sollte bei neuen neurologischen Symptomen im Zweifel eine MRT und eventuell eine Lumbalpunktion gemacht werden. Damit kann ein MS-Schub sicher von einer PML unterschieden werden. Bei Hinweisen auf eine PML muß das Präparat sofort abgesetzt werden.

Wie Gold betonte, entwickele jeder zwanzigste Patient außerdem Antikörper gegen Teile des gentechnisch hergestellten Präparats. Eine entsprechende Titerkontrolle ist nach drei Monaten erforderlich. Fällt sie positiv aus, sollte die Behandlung ebenfalls beendet werden.

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