Ärzte Zeitung, 22.01.2008

Initiale Progression bei MS - später Behinderung

Acht-Jahres-Daten / Aus Progressionsverlauf sind Rückschlüsse auf künftigen Behinderungsgrad möglich

PRAG (mal). Für Patienten mit schubförmiger Multipler Sklerose, die an klinischen Studien teilnehmen, ermöglicht die in dieser Zeit dokumentierte Entwicklung des Behinderungsgrades eine für knapp ein Jahrzehnt gültige Prognose.

Eher günstige Verläufe und langfristig wenig ausgeprägte Behinderungen haben dabei MS-Kranke ohne eine mindestens sechs Monate anhaltende Progression der Behinderungen während der laufenden Studie.

Diesen Schluss lassen die Daten von 160 Patienten zu, die an einer Studie teilgenommen hatten und bei denen acht Jahre nach Studienbeginn erneut Daten erhoben wurden. Ihr initialer Behinderungsgrad nach EDSS lag zwischen 1 und 3,5 Punkten. Die ursprünglich in die Verum-Gruppe aufgenommenen 79 Patienten hatten mindestens zwei Jahre lang Interferon beta-1a i.m. (Avonex®) erhalten.

Nach den jetzt vorliegenden Daten wurde bei 45 Patienten (18 Verum- und 27 Placebo-Patienten) innerhalb der ersten beiden Jahre eine anhaltende Progression des Behinderungsgrades festgestellt, definiert als mindestens sechs Monate anhaltende Verstärkung des Behinderungsgrades um mindestens einen Punkt in der EDSS. 84 Prozent dieser Patienten hatten nach acht Jahren klinisch bedeutsame neurologische Behinderungen entsprechend 4 oder mehr Punkten in der EDSS.

Ohne initiale Progression des Behinderungsgrades traf dies nur für 44 Prozent der Studienteilnehmer zu, wie das Team um Professor Richard Rudick aus Cleveland im US-Staat Ohio beim ECTRIMS in Prag berichtet hat (Poster 195). Ähnliche Ergebnisse gab es bei einem EDSS-Grenzwert von mindestens 5 Punkten (73 versus 33 Prozent), 6 (67 versus 24 Prozent) oder 7 Punkten (38 versus 2 Prozent).

Insgesamt war nach achtjähriger Beobachtungszeit der Anteil der Patienten, die einen bestimmten EDSS-Behinderungsgrad erreicht hatten, nach Placebo-Therapie größer als nach Verum-Therapie. So hatten zum Beispiel 65 Prozent der Placebo-Patienten einen EDSS-Punktwert von mindestens 4 erreicht, aber nur 44 Prozent der Verum-Patienten. Und: Patienten mit einem initialen EDSS-Wert von höchstens 2 Punkten hatten nach acht Jahren signifikant seltener einen EDSS-Wert von mindestens 4 (37 versus 74 Prozent) oder mindestens 5 Punkten (29 versus 60 Prozent) als Studienteilnehmer mit initial über 2 EDSS-Punkten.

STICHWORT

EDSS

Die Skala EDSS (Expanded Disability Status Scale) informiert über den Grad der Behinderung eines MS-Patienten. Sie reicht von 0,0 (keine neurologischen Defizite) bis 10 (Tod infolge MS). Die Einordnung des Behinderungsgrades eines MS-Patienten in der EDSS beruht auf der Untersuchung der Funktionellen Systeme. Dazu gehört etwa die Untersuchung von Pyramidenbahn (etwa Lähmungen), Kleinhirn (etwa Ataxie, Tremor), Blasen- und Mastdarmfunktion (etwa Urininkontinenz) und Sehfunktion (etwa eingeschränktes Gesichtsfeld). (eb)

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Im Sushi war der Wurm drin

Der Hinweis aufs Sushi brachte die Ärzte auf die richtige Spur. Statt den Patienten wegen Verdachts auf akutes Abdomen zu operieren, führten sie eine Gastroskopie durch. mehr »

Importierte Infektionen führen leicht zu Diagnosefehlern

Wann muss ein Arzt für eine Fehldiagnose gerade stehen? In einem aktuellen Fall entschied das Oberlandesgericht Frankfurt gegen einen Arzt. mehr »

"Turbolader einer Zwei-Klassen-Medizin"

Die Einheitsversicherung als Garant für Gerechtigkeit im Versorgungssystem? Aus Sicht von BÄK-Präsident Professor Frank Ulrich Montgomery eine fatale Fehleinschätzung. Die "Ärzte Zeitung" dokumentiert Auszüge aus seiner Ärztetags-Eröffnungsrede. mehr »