Ärzte Zeitung, 29.04.2008

Positive Effekte körperlichen Trainings bei MS sind belegt

Effekte auf Mobilität nachgewiesen / Bessern sich auch endokrine Parameter?

Nicht nur wer gesund ist, bleibt durch Sport länger fit. Auch bei Krankheit ist Bewegung oft ein wesentlicher Therapiebaustein. So auch bei Multipler Sklerose (MS).

 Positive Effekte körperlichen Trainings bei MS sind belegt

Laufband-Training erhöht bei MS-Patienten die Ganggeschwindigkeit und mindert die Fatigue.

Foto: BVDC©fotolia.de

 Von Sabine Stürmer

Wichtiges Behandlungsziel bei MS ist, die Gehfähigkeit und damit die Selbstständigkeit der Patienten so lange wie möglich zu erhalten und zwar durch Medikamente ebenso wie durch gezielte Physiotherapie. Ein Cochrane-Review aus dem Jahr 2005 etwa belegt, dass körperliches Training bei MS die Mobilität fördert und sogar die Fatigue reduzieren kann.

Gerade Gangstörungen schränken MS-Patienten stark ein. Die Betroffenen gehen langsamer, machen kürzere Schritte und haben eine längere Doppelbelastungsphase. Für sie ist es dadurch etwa schwierig, eine Fußgänger-Ampel in der meist kurzen Grünphase zu überqueren. Da zudem die Gehstrecke limitiert ist, ist der Aktionsradius stark eingeschränkt. Außerdem besteht die große Gefahr zu stürzen. Aufgrund des häufig progredienten Verlaufs benötigt jeder zweite MS-Patient nach im Schnitt 15 Jahren Erkrankungsdauer eine Gehhilfe.

Gerade in den vergangenen Jahren wurde nun verstärkt untersucht, wie sich die motorischen Defizite mittels Physiotherapie verbessern lassen, wie Ziegler vom Neurologischen Krankenhaus München berichtet (Nervenheilkunde, 26, 2007, 1088). Der Erfolg der Maßnahmen wurde dabei mit standardisierten Testverfahren ermittelt. Die Ganggeschwindigkeit wurde etwa mithilfe des MS Functional Composite (MSFC) erhoben, bei dem die benötigte Zeit für eine 7,62 m lange Gehstrecke gestoppt wird. Zur Messung von Kraft, Spastik und Gleichgewicht gibt es den "Six-Spot-Stepp-Test". Dabei werden fünf Holzzylinder in definiertem Abstand möglichst schnell mit dem Fuß umgestoßen.

In einer Studie wurde so nachgewiesen, dass sich bei MS-Patienten, die dreimal wöchentlich jeweils maximal 30 Minuten auf dem Laufband trainierten, nach einem Monat Ganggeschwindigkeit und -ausdauer verbessert hatten. Bewiesen wurde auch, dass mittels Ausdauer-Krafttraining bei MS-Patienten Muskelmasse aufgebaut und damit der Gang stabilisiert werden kann. Dazu hatten Patienten über einen Zeitraum von 15 Wochen kombinierte Arm- und Beinübungen gemacht. Die Teilnehmer übten dreimal wöchentlich 40 Minuten lang.

In der Übungsgruppe verbesserten sich signifikant die isometrische Kraft der Knieextensoren, die Gehfähigkeit, Mobilität und die Fähigkeit zur Körperpflege. In zwei weiteren Studien wurde der Effekt eines 7- und eines 14-wöchigen klassischen Krafttrainings an Geräten für die Bein- und Rumpfmuskulatur geprüft. In beiden Studien verbesserten sich Kraft, Ganggeschwindigkeit und -ausdauer. Die Fatigue nahm sogar ab. Aber auch ohne Geräte lässt sich ein wirkungsvolles Krafttraining machen, wie eine andere Studie ergeben hat: Alltagsaktivitäten wie Treppensteigen, Aufstehen vom Stuhl, Zehenspitzen- und Fersenstand wurden dabei in einem systematischen Übungsprogramm trainiert.

Ziegler rät aufgrund dieser Erkenntnisse, dass MS-Patienten zwei- bis dreimal wöchentlich über einen Zeitraum von jeweils 20 bis 30 Minuten trainieren sollten. Die Hauptmuskelgruppen sollten dabei mit 50-70 Prozent der Maximalkraft angespannt werden.

Der Forscher weist noch auf einen zweiten Effekt durch ein moderates, körperliches Langzeittraining hin, nämlich einen positiven Effekt auf immunologische und endokrine Parameter. Auch gebe es erste Belege für die Ausschüttung von Nervenwachstumsfaktoren durch körperliches Training. In weiteren Studien müsse nun untersucht werden, wie effektiv die verschiedenen Therapien bei unterschiedlichen Krankheitsstadien sind. Bereits bekannte Behandlungsformen könnten so optimiert und neue Physiotherapien entwickelt werden.

Mehr Infos zu MS im Internet bei www.dmsg.de

Tipps bei Spastik, Tremor und Ataxie

Spastik und daraus resultierende Muskelverkürzungen lassen sich mit aktiven und passiven Muskeldehnungen mit oder ohne Gewichtsbelastung therapieren. Bereits ein einmaliges 20-minütiges Fahrradfahren ohne Widerstand senkt die Spastik über das Training hinaus.

Ein Haltetremor lässt sich verbessern, indem zunächst der aktive Arm durch eine Unterlage unterstützt und diese dann schrittweise reduziert wird, sodass die Anforderung an die statische Muskelarbeit steigt. Der Intensionstremor kann durch Kühlung gebessert werden: Der Patient taucht etwa vor einer Unterschrift seinen Unterarm eine Minute lang in Eiswasser oder trägt 15 Minuten lang eine Kühlmanschette.

Bei Stand- und Gangataxie können spezielle Übungen wie Einbeinstand, Liniengang oder Stehen und Gehen auf unebenem Untergrund den Körperschwerpunkt zu stabilisieren helfen. Aufwendiger ist das Training mittels Posturografieplatte. Dabei erhält der Patient visuelles oder akustisches Feedback über seine Schwankungen und kann sich so selbst korrigieren. (stü)

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