Mittwoch, 3. September 2014
Ärzte Zeitung für Neurologen/Psychiater, 23.06.2010

Venöse Insuffizienz im Gehirn bei MS entdeckt

MS-Patienten haben offenbar einen abnormen venösen Blutfluss im Gehirn. Darauf deuten moderne bildgebende Verfahren. Ob die Störungen Auswirkungen der MS sind oder den MS-Verlauf beeinflussen, ist noch unklar.

Von Martin Wiehl

Venöse Insuffizienz im Gehirn bei MS entdeckt

Modell der Hirngefäße. Offenbar ist bei MS-Kranken auch der venöse Blutfluss im Gehirn gestört.

© Sebastian Kaulitzki / fotolia.com

TORONTO. Offenbar weisen sowohl extrakranielle wie auch intrakranielle Venen von Menschen mit MS erhebliche Veränderungen auf. Darauf haben zwei Forschergruppen aus Italien und den USA aufmerksam gemacht. Die Störungen, die sie als chronische zerebrospinale venöse Insuffizienz (CCSVI) bezeichnen, konnten teilweise erst jetzt durch neuere bildgebende Verfahren sichtbar gemacht werden. Die Beobachtungen sorgten auf dem Kongress der US-Neurologengesellschaft (AAN) in Toronto für großes Aufsehen und wurden intensiv diskutiert.

Verringertes Venenvolumen im Gehirn von MS-Kranken

Grundsätzlich scheint das Gesamtvolumen der intrakraniellen Venen deutlich vermindert zu sein. Darunter fallen besonders die kleinsten Venen. Zudem wird vermutet, dass MS-Patienten eine chronisch venöse Abflussstörung haben, die durch Stenosen in den extrakraniellen Hauptvenen verursacht werden. Dies führt wohl wiederum zu einer verminderten Perfusion des Hirnparenchyms. Drittens scheint die venöse Abflussstörung mit einem Reflux in den zerebralen Venen einherzugehen. Dies soll wiederum eine erhöhte Eisenablagerung im Gehirn zur Folge haben. Korrespondierend zu diesen venösen Fluss-Anomalien lassen weitere Untersuchungen vermuten, dass auch der zerebrospinale Liquorfluss im Sylvius-Aquädukt gestört ist.

Um die venöse Vaskularisierung des Parenchyms zu erfassen, verwendeten die Forscher eine MRT-Variante, das Susceptibility-Weighted Imaging (SWI). Damit lassen sich zerebrale Venen direkt darstellen, indem die Oxygenierung des venösen Blutes ausgenutzt wird. Eine Arbeitsgruppe um Dr. Guy U. Poloni aus Buffalo in den USA hatte die Methode bei 62 MS-Patienten und 33 gesunden Probanden angewandt. Sie maßen nicht nur das Gesamtvolumen der Hirnvenen, sondern setzten es auch in Bezug auf die Gesamthirnmasse, um Kopfgröße und Hirnatrophie als Störgrößen auszuschalten. Insgesamt war das venöse Gesamtvolumen bei MS-Patienten um knapp 20 Prozent geringer (67,5 versus 82,7 ml) als bei Gesunden, und auch das Venenvolumen pro Hirnmasse war um dieselbe Größenordnung reduziert. Die stärksten Abweichungen ergaben sich bei Venen unter 0,9 mm Durchmesser. Insgesamt, so die Forscher, legten die Befunde eine schwere Beeinträchtigung des venösen Systems im Gehirn MS-Kranker nahe.

Zu ähnlichen Schlussfolgerungen kam auch eine italienische Gruppe um Professor Paolo Zamboni aus Ferrara in Italien. Der Angiologe hatte bei 16 Patienten mit schubförmiger MS und acht gesunden Probanden zunächst die venöse Hämodynamik extrakranieller hirnableitender Gefäße wie der Vena jugularis interna per Doppler-Sonografie untersucht. Bei allen 16 MS-Patienten fand er eine venöse Insuffizienz und einen venösen Rückstau, jedoch bei keinem der Teilnehmer ohne MS.

Weiterhin wurden alle Teilnehmer mit einem weiteren MRT-Verfahren untersucht, dem Perfusion-Weighted Imaging (PWI). Dabei wurde in verschiedenen Hirnbereichen der zerebrale Blutfluss, das Blutvolumen sowie die mittlere Durchlaufzeit einzeln erfasst und ausgewertet. Das Ergebnis: Je ausgeprägter die venöse Insuffizienz im Sono war, umso stärker war die per PWI gemessene intrazerebrale Perfusion gestört. Diese Korrelation betraf alle Regionen des Parenchyms der MS-Patienten und war besonders auffällig im Thalamus, Nucleus caudatus, Putamen, Hippocampus und Nucleus accumbens.

Bei venöser Insuffizienz vermehrt Eisen in Läsionen

Bei demselben Studienkollektiv verwendete die Arbeitsgruppe auch das SWI, um vermehrte Eisenablagerungen im Gehirn der MS-Patienten zu detektieren. Es wurde schließlich vermutet, dass ein erhöhter zerebral-venöser Rückfluss zu einem solchen Anstieg beitragen könnte. Die Eisenkonzentrationen wurden dabei in verschiedenen Hirnregionen sowie auch in T1- und T2-gewichteten Läsionen gemessen. Dabei stellte sich heraus: MS-Patienten mit einer ausgeprägten Insuffizienz der Jugularvenen hatten tatsächlich auch eine hohe Eisenbeladung in den Läsionen. Je ausgeprägter die venöse Insuffizienz war, umso mehr Eisen war in den Läsionen. Dies ist auch klinisch bedeutsam: So fanden andere Forscher, dass hohe Eisenkonzentrationen in der grauen Substanz mit einem ausgeprägten Behinderungsgrad einhergehen.

Zunächst müssten die Befunde auch von anderen Arbeitsgruppen reproduziert werden, hieß auf dem AAN. Dann könne man klären, welche neurologische Bedeutung die venösen Anomalien überhaupt haben und in welchem Zusammenhang sie mit den Autoimmunprozessen bei MS stehen.

Lesen Sie dazu den aktualisierten Hintergrund:
Multiple Sklerose durch venöse Störung? Daran gibt es immer mehr Zweifel

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