Ärzte Zeitung, 26.01.2012

Bewiesen: Schlechte Gene sind ein Grund für MS

Dass Multiple Sklerose zum Teil genetisch bedingt ist, wurde schon lange vermutet. Jetzt ist Forschern der  Beweis geglückt: Sie spürten ein Gen auf, das das MS-Risiko gleich um den Faktor 13 erhöht - und offenbar die Progression beschleunigt.

Von Thomas Müller

Bewiesen: Schlechte Gene sind ein Grund für MS

Das Gehirn eines MS-Kranken: Offenbar beeinflussen die Gene der Patienten die Erkrankung.

© OKAPIA KG, Germany

ANN ARBOR. Weshalb das Immunsystem bei MS-Patienten auf die Idee kommt, die Myelinschicht um die Nervenfasern abzuknabbern, gibt Forschern noch immer Rätsel auf.

Man weiß zumindest, dass sich etwa 80 Prozent des MS-Risikos auf Umweltfaktoren zurückführen lässt. Im Gespräch sind virale Infektionen, aber auch ein Vitamin-D-Mangel, wie er im Winter in den gemäßigten Breiten auftritt, wo MS hauptsächlich vorkommt.

Bisher kaum Gene gefunden, die das MS-Risiko erhöhen

Doch auch der genetische Einfluss ist nicht zu unterschätzen: Verwandte ersten Grades von Erkrankten haben ein etwa 15-fach erhöhtes Risiko, selbst eine MS zu bekommen.

Das Erstaunliche bei MS: Anders als bei vielen neurodegenerativen Erkrankungen wie Morbus Alzheimer oder Parkinson sind hier keine rein genetisch bedingten Krankheitsverläufe bekannt. Auch hat man bisher kaum Gene gefunden, die das Risiko für MS nennenswert erhöhen.

Die bisher stärkste Assoziation bestand bei einer Veränderung in einem der Gene für den Haupthistokompatibilitäts-Komplex II (MHC II). Personen mit einer bestimmten Variante des Gens HLA-DRB1 haben ein dreifach erhöhtes MS-Risiko. Allerdings trägt etwa ein Viertel der Bevölkerung diese Genvariante, sie ist also nicht sehr spezifisch für MS.

CD24-Molekül im Fokus

Nun ist Forschern in den USA und China möglicherweise ein Durchbruch gelungen: Sie fanden Veränderungen in einem DNA-Bereich, die das MS-Risiko gleich um den Faktor 13 erhöhen (PNAS Epub 5.12.11). Damit lässt sich der genetische Einfluss zwar noch nicht ganz, aber deutlich besser erklären.

Die Forscher um Dr. Lizhong Wang aus Ann Arbor in den USA und aus Peking haben sich in ihrer Arbeit auf die Genetik des immunregulatorischen CD24-Moleküls konzentriert. Für CD24 konnte in Tiermodellen eine Bedeutung bei der Entstehung von Enzephalomyelitiden nachgewiesen werden.

Die Forscher schauten sich daher das Gen für CD24 sowie seine regulatorischen DNA-Abschnitte bei 264 MS-Patienten und bei 300 gesunden Probanden genauer an.

Deutlich schlechtere Prognose

Dabei fanden sie eine Variante in der Promotor-Region des Gens, die zwar bei 4,8 Prozent der MS-Patienten, aber nur bei 0,4 Prozent der Gesunden vorkam. Insgesamt errechneten sie daraus ein 13-fach erhöhtes MS Risiko, wenn die Variante sowohl mit der mütterlichen als auch der väterlichen DNA vererbt wurde.

CD24 scheint damit weit spezifischer das MS-Risiko zu beeinflussen als das bekannte HLA-DRB1.

Und noch etwas fiel den Forschern auf: Die CD24-Variante geht mit einer deutlich schlechteren Prognose einher. Etwa 8 Prozent der Träger hatten schwere Behinderungen (EDSS-Wert über 6), dagegen waren es nur 2 Prozent der MS-Patienten mit normalem CD24 Promotor.

Die Ergebnisse müssen nun allerdings erst noch in genomweiten Assoziationsstudien mit weit größeren Teilnehmerzahlen bestätigt werden.

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