Ärzte Zeitung online, 27.07.2012

Studie mit Mängeln

Langzeitnutzen von Interferonen bei MS bezweifelt

Kanadische Forscher sehen in einer retrospektiven Analyse keine Anhaltspunkte, dass eine Interferontherapie langfristig Behinderungen bei Multipler Sklerose vermeidet. Die Studie hat allerdings gravierende Schwächen.

Von Thomas Müller

Langzeitnutzen von Interferonen bei MS bezweifelt

Bringen Interferone wirklich nichts? MRT des Gehirns mit Läsionen durch Multiple Sklerose.

© NAS / Scott Camazine / Okapia

VANCOUVER. Die Untersuchung wurde zwar prominent im führenden US-Ärztefachblatt JAMA veröffentlicht, doch dürfte sie den Leser eher ratlos zurücklassen: Neurologen aus Vancouver haben nach einer Analyse der Daten von knapp 2660 MS-Patienten aus der kanadischen Provinz British Columbia keine Hinweise dafür gefunden, dass eine Interferontherapie langfristig die Progression der MS-typischen Behinderungen bremst.

Damit stehen ihre Ergebnisse in einem Widerspruch zu den Resultaten kontrollierter Medikamentenstudien, zu denen inzwischen ebenfalls Langzeitdaten vorliegen.

Das Team um Dr. Afsaneh Shirani von der Universität in Vancouver hatte allerdings einen anderen Ansatz gewählt, als er in Medikamentenstudien üblich ist (JAMA 2012; 308(3):247-256).

Die Forscher verglichen zum einen das Schicksal von 868 Patienten mit schubförmiger MS, die in der Interferon-Ära zwischen 1995 und 2008 mit diesen Medikamenten behandelt wurden mit dem von 829 MS-Patienten, die - aus welchen Gründen auch immer - im selben Zeitraum keine Therapie mit immunmodulierenden Wirkstoffen in Anspruch nahmen.

Als weitere Vergleichsgruppe wählten sie 959 MS-Patienten aus der Zeit vor Einführung der Interferone (1985 bis 1995). Die Angaben dafür entnahmen sie mehreren Datenbanken, in denen der Krankheitsverlauf von MS-Patienten prospektiv erfasst wurde.

Höheres Risiko für Behinderungen?

Geschaut wurde nun, wie lange es im Schnitt dauerte bis ein Behinderungsgrad von 6 auf der Expanded Disability Status Scale (EDSS, 0 bis 10 Punkte) erreicht wurde. Bei diesem Behinderungsgrad ist bereits eine Gehilfe nötig, um eine Strecke von 100 Metern zu bewältigen.

Die Patienten hatten bei der Aufnahme in die Datenbanken in allen Gruppen etwa einen EDSS-Wert von 2.

Nach im Median fünf Jahren zeigten 10,8 Prozent der mit Interferon beta behandelten Patienten den EDSS-Zielwert, bei den im selben Zeitraum unbehandelten Patienten waren es nach vier Jahren im Schnitt nur 5,3 Prozent, in der historischen Kontrollgruppe jedoch 23 Prozent nach knapp elf Jahren.

Für die mit Interferon behandelten Patienten ließ sich daraus ein 30 Prozent höheres Risiko für eine Progression zum EDSS-Wert von 6 berechnen als für die im selben Zeitraum unbehandelten Patienten, und zwar auch dann noch, wenn Faktoren wie Alter, Geschlecht und Krankheitsdauer berücksichtigt wurden.

Beschleunigt Interferon beta also sogar die Behinderungsprogression? Das lässt sich aus den Ergebnissen wohl kaum schließen.

Zum einen war auch der Unterschied von 30 Prozent nicht signifikant, dazu war die Studie von den Patientenzahlen her wohl zu klein, zum anderen dürfte hier wohl ein sogenannter "Indication Bias" vorliegen, vermuten die beiden Schweizer Neurologen Dr. Tobias Derfuss und Dr. Ludwig Kappos vom Universitätshospital in Basel in einem Editorial zur Studie.

Patienten, die Medikamente bekommen, sind in der Regel stärker krank als solche ohne Therapie. Dies wird bestätigt, wenn man sich die Patientendaten genauer anschaut.

So war die jährliche Schubrate in der Interferongruppe vor Behandlungsbeginn um 50 Prozent höher als in der unbehandelten Gruppe (0,9 versus 0,6). Auch lagen die letzten Schübe eine längere Zeit zurück.

Man darf also annehmen, dass die Ärzte bei vielen der unbehandelten Patienten keine immunmodulierende Therapie verordneten, weil sie zu Recht davon ausgingen, dass keine weiteren Schübe auftreten und es damit auch zu keiner Behinderungsprogression kommt.

Höheres Progressionsrisiko in der Ära ohne Interferon

Verglichen die Forscher nun die Interferongruppe mit den Patienten, die kein Interferon bekamen, weil es noch keines gab, dann sieht die Sache schon ganz anders aus: Hier ergab sich für die Interferon-Gruppe ein um 23 Prozent reduziertes Risiko für einen EDSS-Wert von mindestens 6 Punkten.

Dummerweise war der Unterscheid ebenfalls nicht statistisch signifikant. Zudem ist auch hier ist von einem gewissen Indication Bias auszugehen.

Ein Teil der Patienten in der historischen Gruppe hätte bei ihren Ärzten vermutlich ebenfalls nicht die Kriterien für eine Interferontherapie erfüllt, sodass der Nutzen der Therapie bei den Patienten, die ihrer bedürfen, insgesamt noch höher sein dürfte.

Es liegt daher nahe, dann wohl doch den Langzeitdaten von randomisiert kontrollierten Studien zu glauben, die in vergleichbaren Patientengruppen einen deutlichen Vorteil für die Interferontherapie fanden.

Das Problem dabei ist allerdings, dass in solchen Studien in den Kontrollgruppen meist nur ein bis zwei Jahre mit Placebo behandelt wurde, anschließend erhielten alle Patienten nicht zuletzt aus ethischen Gründen das Medikament.

Dennoch ergeben sich daraus Hinweise für einen Langzeitnutzen: In einer Studie mit Interferon beta-1a hatten etwa drei Viertel aller MS-Patienten auch noch nach zehn Jahren einen Wert von 0 bis 2 auf der EDSS-Skala, die EDSS-Progression war hierbei statistisch signifikant geringer als bei Patienten, die die Therapie abgebrochen oder zeitweise unterbrochen hatten.

Und für Interferon beta-1b zeigen Fünfjahresdaten, dass sich eine EDSS-Zunahme um einen Punkt bei Patienten um knapp zwei Jahre verzögern ließ, wenn sie von Beginn an das Medikament statt die ersten beiden Jahre Placebo erhielten.

Neurologen werden sich daher wohl eher an den bisherigen, meist kurzfristigen Ergebnissen kontrollierter Studien orientieren und weiterhin Interferone verordnen, mutmaßen Derfuss und Dr. Ludwig Kappos.

Man fragt sich allerdings, weshalb ausgerechnet das renommierte JAMA eine Studie veröffentlicht, die weder methodisch noch von der Größe her in der Lage ist, überhaupt eine Aussage zum Langzeitnutzen von Interferonen zu treffen.

Quelle: www.springermedizin.de

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