Ärzte Zeitung App, 17.01.2014

Bei erstem MS-Schub

Wenig Vitamin D, schlechte Prognose

Nach einem ersten Schub entwickeln Patienten mit niedrigen Vitamin-D-Spiegeln schneller eine manifeste MS als bei normalen Werten. Auch verläuft die Krankheit dann aggressiver.

Von Thomas Müller

Wenig Vitamin D, schlechte Prognose

Wichtig für Vitamin D: Aufenthalte in der Sonne.

© miket / fotolia.com

Ein Zusammenhang zwischen niedrigen Vitamin-D-Spiegeln und einem erhöhten MS-Risiko ist bereits aus zahlreichen epidemiologischen Studien bekannt, auch scheinen MS-Patienten mit niedrigen Vitamin-D-Spiegeln häufiger Schübe zu entwickeln.

Unklar ist dabei jedoch, was Ursache und was Wirkung ist und welche Bedeutung Vitamin D in der MS-Pathologie zukommt.

Auf dem ECTRIMS-Kongress in Kopenhagen konnten MS-Experten dieses Rätsel zwar auch nicht lösen, aber es gelang ihnen zumindest, einen niedrigen Vitamin-D-Spiegel als wichtigen Risikofaktor sowohl für die Entwicklung einer klinisch manifesten MS als auch für einen ungünstigen Krankheitsverlauf dingfest zu machen.

Professor Alberto Ascherio von der Harvard Medical School in Boston präsentierte hierfür neue Daten der Studie BENEFIT. Darin wurde primär der Nutzen einer sofortigen versus einer verzögerten Interferontherapie bei Patienten mit klinisch isoliertem Syndrom (CIS) untersucht.

Ascherio interessierte sich jedoch für einen anderen Aspekt: die Vitamin-D-Werte, die im ersten Jahr der Studie bei den Patienten gemessen wurden, und zwar zu Beginn, nach sechs und nach zwölf Monaten.

Aus den 25-Hydroxy-Vitamin-D-Messungen berechnete sein Team Jahresmittelwerte für das erste Studienjahr. 251 Patienten hatten Werte unter 50 nmol/l, 213 lagen darüber. Anschließend schauten die Ärzte, was aus diesen Patienten in den folgenden Jahren wurde.

Mehr aktive Läsionen und mehr Verlust an Hirnvolumen

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Im fünften Studienjahr war bei Patienten mit normalen und hohen 25-Hydroxy-Vitamin-D-Spiegeln deutlich seltener eine manifeste MS nachweisbar, sie hatten 23 % weniger aktive Läsionen und der Verlust an Hirnvolumen war nur halb so hoch wie in der Gruppe mit niedrigen Werten.

Für jeden Anstieg um 50 nmol/l Vitamin D im Serum lässt sich nach diesen Daten eine Risikoreduktion für eine manifeste MS um 52 % berechnen, eine Reduktion neuer MRT-Läsionen um 57 % sowie ein 25 % geringeres Volumen bei den T2-Läsionen.

Die Unterschiede waren auch dann noch signifikant, wenn die Läsionslast zum Studienbeginn berücksichtigt wurde - diese war in der Gruppe mit niedrigen Vitamin-D-Werten bereits ein Viertel höher als in der Gruppe mit über 50 nmol/l.

Studie mit 1000 CIS-Patienten aus 17 Nationen

Bestätigt werden die Ergebnisse von einer weiteren Verlaufsstudie, die Neurologen um Dr. Jens Kuhle vom Universitätsspital in Basel auf dem ECTRIMS-Kongress vorgestellt haben.

Teilnehmer waren über 1000 CIS-Patienten aus 17 Nationen. Geschaut wurde nach Risikofaktoren für eine Konversion zur klinisch manifesten MS.

Im Laufe von fünf Jahren entwickelten 60 % der Patienten eine klinisch manifeste MS. Wie erwartet, sagten oligoklonale Banden im Liquor und die Zahl der T2-Läsionen bei CIS-Patienten am zuverlässigsten die Konversion zur klinischen MS voraus.

Als dritter prognostischer Faktor erwies sich überraschenderweise ein niedriger Vitamin-D-Wert. Aufgeteilt nach Quartilen war die Konversionsrate bei dem Viertel mit den niedrigsten Serumwerten am höchsten.

Signifikant waren die Unterschiede nach Berücksichtigung einer Reihe anderer Faktoren wie Alter, Geschlecht, Läsionszahl und oligoklonale Banden allerdings nur zu der Gruppe mit den zweithöchsten Werten, hier war die Konversionsrate um 24 % niedriger.

Erhöhtes Konversionsrisiko

Die Daten, so Kuhle, sprechen immerhin dafür, dass niedrige Vitamin-D-Werte unabhängig von der Läsionslast und oligoklonalen Banden das Konversionsrisiko erhöhen.

Bei anderen MS-Risikofaktoren wie Rauchen oder Antikörpern gegen bestimmte Epstein-Barr-Virus-Proteine ließ sich kein erhöhtes Konversionsrisiko nachweisen. Möglicherweise, so Kuhle, erhöhen diese Faktoren zwar die Wahrscheinlichkeit für die Entwicklung einer MS, sind für die Progression der Erkrankung aber weniger relevant

Sollten Ärzte nun vermehrt auf Vitamin-D-Spiegel achten und diese korrigieren, wenn sie niedrig sind?

Der US-Neurologe Ascherio sprach sich jedenfalls genau dafür aus. Zwar müssten noch die Ergebnisse laufender Interventionsstudien abgewartet werden, um zu sehen, ob die Supplementierung mit Vitamin D tatsächlich die MS-Progression bremst. Aber schaden dürfte es kaum, wenn erniedrigte Spiegel bei MS oder CIS auf ein normales Niveau gehoben werden.

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