Ärzte Zeitung online, 25.11.2014

Ungewöhnliche Ansätze

Mit Weihrauch gegen MS

Im Kampf gegen Multiple Sklerose muss es nicht immer ein gravierender Eingriff ins Immunsystem sein: Manche Forscher wollen den Erkrankten mit ungewöhnlichen Ansätzen helfen - etwa mit Weihrauch oder Fettsäuren. Und es gibt erste Erfolge.

Von Thomas Müller

Mit Weihrauch gegen MS

Die Therapie mit Weihrauch hat zu weniger Gadolinium-anreichender Läsionen geführt.

© hjschneider / fotolia.com

BOSTON. In der Therapie von Patienten mit multipler Sklerose (MS) gibt es mehrere alternative Ansätze. So testet eine deutsche Arbeitsgruppe am Institut für Neuroimmunologie und Klinische Multiple-Sklerose-Forschung (INIMS) in Hamburg einen Weihrauchextrakt gegen MS.

Die Idee dahinter: Im Weihrauch enthaltene Boswelliasäuren haben einen antientzündlichen Effekt, indem sie die Leukotrienwirkung unterdrücken.

Da sich viele MS-Patienten auch natürliche Therapien wünschten, habe man ein Studienprogramm dazu ins Leben gerufen, sagte Klarissa Hanja Stürner vom INIMS bei der Präsentation erster Ergebnisse auf dem Kongress der europäischen und amerikanischen MS-Gesellschaften in Boston.

Das Team um Stürner verwendete einen standardisierten Weihrauchextrakt in einer Phase-IIa-Studie bei 37 Patienten mit schubförmiger MS; die Betroffenen waren im Median seit drei Jahren erkrankt.

Während der acht Monate dauernden Therapie wurde die Dosis des Extrakts in den ersten beiden Monaten bis maximal 4,8 Gramm hochdosiert oder bis limitierende Nebenwirkungen auftraten.

Über 80 Prozent der Patienten vertrugen ohne größere Probleme die Maximaldosis, zwei brachen wegen Nebenwirkungen ab und drei wechselten auf eine Standardtherapie, nachdem erneut Schübe bei ihnen aufgetreten waren.

Nach Weihrauchtherapie: Zwei Drittel weniger Läsionen

Bislang ließen sich Daten von 25 Patienten auswerten, und die sind durchaus überraschend: So war die Zahl neuer Gadolinium-anreichernder Läsionen in den letzten drei Therapiemonaten um knapp zwei Drittel geringer als in den drei Monaten vor Therapiebeginn, die Zahl neuer T2-Läsionen hatte sich um knapp 60 Prozent reduziert, und die jährliche Schubrate war von 0,94 auf 0,32 zurückgegangen.

Als Nebenwirkungen traten vor allem Magen-Darm-Probleme auf. Die Ergebnisse erwiesen sich zwar alle als statistisch signifikant, aber es fehlte eine Placebo-Kontrollgruppe. Die Resultate, so Stürner, sollten jedoch genug Gründe für eine größere kontrollierte Studie liefern.

Eine placebokontrollierte Studie mit einer natürlichen Substanz konnte dagegen bereits eine italienische Arbeitsgruppe präsentieren. Allerdings wählten die Neurowissenschaftler um Giuseppe Orefice von der Universität in Neapel keine harten klinischen Endpunkte, sondern schauten sich lediglich die Spiegel von Entzündungsmarkern an.

Orefice und seine Mitarbeiter hatten im Laufe ihrer einjährigen Studie 29 Patienten mit schubförmiger MS zusätzlich zu einer Interferon-beta-Therapie entweder mit Placebo oder dem endogenen Fettsäurederivat Palmitoyl-Ethanol-Amin (PEA) behandelt.

PEA wird etwa bei neuropathischen und chronischen Schmerzen angewandt; die Substanz hat ebenfalls antientzündliche Eigenschaften, die sie für die MS-Therapie interessant macht.

Wie sich herausstellte, ließen sich in der PEA-Gruppe tatsächlich die Serumwerte für Entzündungsmarker wie TNF-alpha und Interferon gamma deutlich senken, gleichzeitig stiegen die Konzentrationen von Endocannabinoiden. Ob PEA als Zusatztherapie auch klinische Effekte hat, bleibt aber abzuwarten.

Antikörper gegen "Multiple Sclerosis Retrovirus"

Weniger auf natürliche Mittel, sondern auf High-Tech setzen Schweizer Forscher um Francois Curtin von der Universität in Genf. Sie haben einen monoklonalen Antikörper gegen ein sehr ungewöhnliches Ziel entwickelt: Er zielt auf ein humanes endogenes Retrovirus (HERV).

Solche Viren geistern seit Äonen in unserem Genom herum und gelten eigentlich als harmlos. Inzwischen mehren sich jedoch die Hinweise, dass HERV bei MS-Kranken verstärkt aktiv sind. Manche Forscher sind der Ansicht, HERV spielten eine wichtige Rolle bei der Entstehung einer MS.

Hinzu kommt die Beobachtung, dass behandelte HIV-Patienten praktisch nicht an MS erkranken. Das führte zu der Hypothese, eine antiretrovirale Therapie könnte die MS unterbinden.

Der Antikörper von Curtin und seinem Team richtet sich spezifisch gegen das Hüllprotein des mit MS assoziierten "Multiple Sclerosis Retrovirus" (MSRV). Mit diesem Antikörper wollen die Schweizer ihre Hypothese prüfen.

Zunächst verabreichten sie das Therapeutikum aber nur acht Patienten in zwei verschiedenen Dosierungen (2 und 6 mg), zwei weitere erhielten Placebo.

Nach fünf und sechs Monaten bekamen die MS-Kranken eine Auffrischinfusion, die Placebogruppe wurde nun ebenfalls behandelt. Der Antikörper konnte wie erwartet die Konzentration von MSRV-Markern im Serum reduzieren und wurde von den Patienten gut vertragen.

Mit der 2-mg-Dosis hatte der EDSS-Wert im Schnitt um 0,2 Punkte zugenommen, mit der höheren Dosis um 0,2 Punkte abgenommen, allerdings lassen sich daraus aufgrund der kleinen Patientenzahl kaum Rückschlüsse ziehen.

Nach Auffassung von Curtin ist es jedoch ein positives Signal, dass sowohl der EDSS-Wert als auch die MRT-Befunde über ein Jahr hinweg stabil blieben.

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