Ärzte Zeitung, 03.12.2014

Multiple Sklerose

Trüber Winter - mehr Schübe

Eine große Studie bestätigt jetzt: MS-Schübe häufen sich zu Beginn des Frühjahrs. Je weniger Sonne im Winter, umso früher und wahrscheinlicher kommt der Schub.

Von Thomas Müller

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Trübes Winterwetter führt gegen Ende des Winters oder Beginn des Frühjahrs verstärkt zu MS-Schüben.

© Vclav Mach/Panthermedia

MELBOURNE, MÜNSTER. Der Zusammenhang ist gut bekannt: Je weiter weg jemand vom Äquator wohnt, umso größer ist das Risiko, an einer MS zu erkranken.

Die plausibelste Erklärung dafür ist ein protektiver Effekt von Sonnenlicht. Offenbar schützt die Sonne aber nicht nur vor der Erkrankung, sondern auch vor neuen Schüben bei denjenigen, die bereits krank sind. Sonnenlicht scheint also ein durchaus potenter Immunmodulator zu sein.

Das bestätigt nun eine große internationale Untersuchung unter Leitung von Dr. Tim Spelman vom Royal Melbourne Hospital (Ann Neurol 2014; online 20. Oktober).

Die Forscher haben die Schubfrequenz von knapp 10.000 MS-Patienten aus 30 Ländern analysiert, die sich im Schnitt acht Jahre lang am globalen MS-Register MSBase beteiligt hatten. Sie konnten rund 32.000 Schübe bei diesen Patienten auswerten.

Wie sich herausstellte, traten die meisten Schübe stets am Winterende oder zu Beginn des Frühjahrs auf, die wenigsten im Herbst.

Dies war auf der Nordhalbkugel in ähnlicher Weise zu beobachten wie auf der Südhalbkugel. Die Zahl der monatlichen Schübe schwankte dabei zwischen knapp 3000 im dritten Monat und etwa 2600 im neunten Monat nach der Wintersonnenwende.

Schubmaximum am 7. März

Auf der Nordhalbkugel wurde der Peak am 7. März, auf der Südhalbkugel am 5. September erreicht. Allerdings hing das Datum stark vom Breitengrad ab. Bei MS-Kranken, die in polaren Breiten wohnten, lag der Peak deutlich näher an der Wintersonnenwende als bei solchen in subtropischen oder tropischen Zonen.

Noch genauer: Das Datum orientierte sich am UV-Minimum des Wohnorts, das nicht immer mit dem Solstitium zusammenfiel. Mit jeder Entfernung vom Äquator um ein Grad rückte das Schubmaximum um drei Tage näher an das Datum des UV-Minimums heran.

Zudem waren bei den MS-Kranken in kühleren Regionen die jahreszeitlichen Schwankungen am größten. Wurden jenseits des 40. Breitengrades am Maximum 8,6 Schübe pro 100 Patienten mehr als am Minimum registriert, so lag die Differenz zwischen 20. und 30. Breitengrad lediglich bei 7,6 Schüben.

Immunmodulatorische Substanzen

Wie lassen sich nun die Beobachtungen am besten erklären? Die Forscher um Spelman vermuten, UV-Licht fördere die Produktion immunmodulatorischer Substanzen - vermutlich Vitamin D. Der Spiegel solcher Substanzen erreicht am Ende des Sommers seinen höchsten Stand und sinkt dann langsam ab, bis im Frühjahr das UV-Licht wieder stark genug für einen neuen Produktionszyklus ist.

Das erklärt die jahreszeitlichen Schwankungen mit den meisten Schüben zum Winterende und den wenigsten am Ende des Sommers.

Schübe häufen sich am UV-Minimum

MS-Kranke in kühleren Breiten bekommen insgesamt jedoch deutlich weniger UV-Licht als solche in tropischen und subtropischen Zonen, bei ihnen wären die Spiegel der protektiven Substanzen insgesamt geringer.

Daher, so die Hypothese, erreichen sie im Winter auch schneller kritische Werte, die Schübe begünstigen. Sie haben kaum Reserven, die sie durch die dunkle Jahreszeit begleiten, die Schubzahl kulminiert demnach nahe am UV-Minimum.

"Die Studie belegt mit ihrer globalen Datenbasis eindrücklich den Zusammenhang zwischen Sonneneinstrahlung und den Krankheitsschüben bei MS: Je höher die natürliche UV-Strahlung, desto geringer die Wahrscheinlichkeit von Schüben", kommentiert Professor Heinz Wiendl vom Uniklinikum Münster die Untersuchung in einer Mitteilung der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN) und des Kompetenznetzes Multiple Sklerose (KKNMS).

Mehr regulatorische T-Zellen

Wiendl hat aufgrund eigener Studiendaten auch eine Erklärung für das Phänomen: Seine Arbeitsgruppe fand im Blut von Patienten, die zuvor mit UV-B-Licht bestrahlt wurden, schon einen Tag später vermehrt regulatorische T-Zellen und dendritische Zellen, die Autoimmunreaktionen verhindern können (Ann Neurol 2014; 75(5): 739-758).

Allerdings glaubt er nicht, dass solche Effekte allein am Vitamin D hängen: "Die Wirkung des Lichts auf das Immunsystem geht deutlich über das hinaus, was wir mit einer erhöhten Vitamin-D-Produktion erklären können."

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