Ärzte Zeitung, 25.11.2015

Neue Hinweise

MS kann Ursprung im Darm haben

Die Darmflora ist offenbar auch an der Entstehung der Multiplen Sklerose beteiligt: Das konnten Forscher nun zumindest im Tierexperiment zeigen. Dabei haben sie auch Hinweise darauf gewonnen, was vor einer Erkrankung schützen könnte.

Von Thomas Müller

MS kann Ursprung im Darm haben

Der Darm könnte bei der Entstehung von Multipler Sklerose eine wichtige Rolle spielen.

© DOC RABE Media / fotolia.com

MÜNCHEN. Schon seit einiger Zeit gibt es Hinweise, wonach das Geschehen im Darm auch wichtig für pathologische Prozesse im Gehirn ist. So scheint sich krankhaft verändertes Alpha-Synuclein-Protein bei Parkinsonpatienten zunächst im Darmnervensystem zu bilden und von dort langsam ins Gehirn aufzusteigen.

Offenbar können bestimmte Substanzen wie Pestizide diesen Prozess fördern. Nun haben Forscher auch Hinweise gefunden, die auf den Darm als wichtigen Faktor bei der MS-Entstehung deuten.

Neue Daten aus Tiermodellen hat Professor Hartmut Wekerle vom Max-Planck-Institut für Neurobiologie in Martinsried bei München auf dem 88. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN) in Düsseldorf vorgestellt.

Die Forscher haben zunächst genveränderte Mäuse mit einem hohen Anteil autoreaktiver T-Zellen erzeugt. Solche Tiere entwickeln meist rasch eine schubförmige Autoimmunenzephalitis.

Mausmodell für MS entwickelt

Drei bis vier Monate nach der Geburt werden die Nager neurologisch auffällig: Sie entwickeln spontan demyelinisierende Schübe, von denen sie sich anschließend wieder etwas erholen. Für Wekerle kommt dieses Tiermodell daher einer MS beim Menschen sehr nahe.

Auch bei Menschen sind primär autoreaktive T-Zellen für die Schübe verantwortlich. Autoreaktive T-Zell-Rezeptoren ließen sich auch bei gesunden Menschen nachweisen, die jeweiligen T-Zellen würden aber vom Immunsystem unter Kontrolle gehalten, so Wekerle. Was ihre Aktivierung begünstigt, sei noch unklar.

Der Forscher hofft, dies mit seinem Tiermodell besser zu verstehen. Vor allem kann er bei seinen Mäusen Trigger der Autoimmunerkrankung aufspüren. Eine wesentliche Erkenntnis seiner Versuche: Die Mäuse benötigen Keime, um an der Nager-MS zu erkranken. Werden sie keimfrei aufgezogen, bleiben sie gesund.

Wird nun der Darm der keimfrei aufgewachsenen Tiere mit Fäkalproben gesunder Mäuse rekolonisiert, erkranken die Tiere. Wird ihnen jedoch eine Mischung kultivierter Laborbakterien verabreicht, bleiben sie gesund. Für Wekerle ein Hinweis, dass irgendetwas aus der normalen Darmflora notwendig ist, um - zumindest im Tiermodell - eine MS zu erzeugen.

Stuhlproben auf Mäuse übertragen

In einem nächsten Schritt wurden in den Darm der genveränderten Tiere Stuhlproben von menschlichen Zwillingen transferiert, von denen einer eine MS hatte, der andere nicht. Insgesamt konnten 56 eineiige Zwillingspaare für das Experiment gefunden werden.

In einer groben Analyse konnten die Forscher zunächst keine nennenswerten Unterschiede bei der Zusammensetzung der Darmflora von Zwillingen mit und ohne MS finden.

Dennoch reagierten die Mäuse auf die Proben sehr unterschiedlich: Tiere mit Stuhlproben von MS-Kranken entwickelten zu 60 Prozent innerhalb von zwölf Wochen die Autoimmunerkrankung, bei den Nagern mit Proben von gesunden Zwillingen waren es nur halb so viele.

Auch das sieht Wekerle als Hinweis auf eine Bedeutung der Darmflora bei der MS-Entstehung. "Die Darmflora ist mehr als nur ein Bioreaktor, sie kontrolliert auch wichtige Immunfunktionen und hat Einfluss auf die Mikroglia im Gehirn", sagte Wekerle.

Nach seiner Ansicht könnten Mikroben im Darm ein wichtiger Auslöser für eine MS sein. Ob es sich dabei um einzelne der 1000 bis 2000 Keimspezies handele oder eher um das gesamte Keimprofil, sei noch unklar, das würden bald weitere, groß angelegte genetische Studien zeigen.

Interessant sei allerdings, dass sich nicht nur die Keimzusammensetzung im Dick- und Dünndarm deutlich unterscheide, sondern auch die T-Zell-Population: Die größte Artenvielfalt herrscht im Dünndarm; dort überwiegen Proteobakterien und Laktobazillen. Gleichzeitig versammeln sich dort vermehrt proinflammatorische T17-Lymphozyten und IgA-produzierende B-Zellen.

Im Kolon überwiegen Bakteroidales und Clostridiales, hier interessieren sich vor allem regulatorische T-Zellen für das Geschehen. Vielleicht, so könnte man vermuten, ist ein Ungleichgewicht zwischen regulatorischen und proinflammatorischen T-Zellen bei der MS-Entstehung von Bedeutung.

Ansätze für neue Therapien

Wekerle sieht in der Darmhypothese Chancen für neue Therapieansätze - und zwar nicht nur medikamentöse. Da die Ernährung die Zusammensetzung der Darmflora beeinflusst, liegt es auf der Hand, dass sie auch das MS-Risiko verändern könnte. So ließ in sich in seinem Tiermodell durch eine ballaststoffreiche Ernährung die Inzidenz der Mäuse-MS um mehr als die Hälfte senken.

Wurde eine stark kochsalzhaltige Diät verabreicht, konnten die Forscher die Erkrankung sogar komplett verhindern. Es gebe zwar epidemiologische Studien, die eher auf einen negativen Effekt von Kochsalz deuteten, diese seien aber kritisch zu hinterfragen.

So sei in Japan die MS-Prävalenz unter der traditionell salzreichen Ernährung weitaus geringer gewesen als heute unter der zunehmend westlich geprägten Diät.

Wekerle warnte jedoch auch davor, die Bedeutung des Darms für die MS zu überschätzen, noch sei die Forschung hier am Anfang. Es gebe bereits Berichte, wonach MS-Kranke versuchten, sich mit Stuhlproben gesunder Menschen selbst zu behandeln. Davon sei dringend abzuraten.

Der Darm scheint auch bei Krankheiten wie Schlaganfall bedeutsam zu sein. So erleiden Betroffene nach dem Insult oft eine Pneumonie. "Wir haben uns gefragt, woher die Bakterien eigentlich kommen", so Professor Ulrich Dirnagel von der Charité in Berlin. "Der Darm mit etwa einem Kilo Bakterien wäre eine plausible Quelle."

Die Arbeitsgruppe um Dirnagel hat nun herausgefunden, dass sich nach einem Schlaganfall die Darmflora ändert und die Durchlässigkeit für Bakterien erhöht. Ein Grund seien wohl Störungen im autonomen Nervensystem. Probiotika sowie eine Therapie mit protektiven Bakterienstämmen könnten daher in Zukunft vielleicht die Pneumonie-Inzidenz nach einem zerebralen Insult senken.

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