Ärzte Zeitung online, 14.06.2016

Verwechslungsgefahr

Viele MS-Diagnosen sind falsch

Keine vorschnellen Diagnosen bei atypischen MS-Zeichen - das fordern Neurologen. Die Selbstkritik ist berechtigt: Bei vielen Patienten wird fälschlicherweise Multiple Sklerose diagnostiziert.

Von Thomas Müller

Ärzte halten Migräne für MS: Das kommt häufiger vor

Multiple Sklerose wird häufig diagnostiziert, obwohl eine andere Krankheit dahinter steckt.

© DOC RABE Media / fotolia.com

VANCOUVER. Beim diesjährigen Kongress der American Academy of Neurology (AAN) in Vancouver waren auch selbstkritische Stimmen zu hören.

So kommt es offenbar immer wieder zu falschen MS-Diagnosen, weil sich Neurologen zu sehr auf MRT-Aufnahmen verlassen, obwohl sie nicht zu den klinischen Symptomen passen oder schlicht falsch interpretiert werden.

Wie groß das Problem ist, weiß niemand, da es dazu keine Statistiken und Erhebungen gibt, doch für Professor Andrew Solomon von der Universität in Burlington, Vermont, waren die immer wieder beobachteten Fehldiagnosen Anlass genug, im Kreis ausgewählter MS-Spezialisten nach den Ursachen zu fahnden.

Sein Team konnte 23 Neurologen an unterschiedlichen MS-Zentren in den USA dafür begeistern, Fälle von Patienten aufzubereiten, bei denen sie eine bestehende MS-Diagnose als falsch erkannt hatten. Insgesamt kamen so Angaben zu 110 Patienten zusammen.

Nur ein Drittel der Fehldiagnosen werden innerhalb von drei Jahren erkannt

Bei etwa der Hälfte hatten die Neurologen schließlich eine andere Diagnose als MS gestellt, bei den übrigen waren sie sich zumindest sicher, dass die Patienten keine MS hatten, wenngleich die alternative Diagnose noch nicht eindeutig feststand. Bei allen Patienten war aber zuvor von einem anderen Arzt MS diagnostiziert worden.

Immerhin bei einem Viertel dieser Patienten hatten die Neurologen mit der falschen Diagnose eine spezielle MS-Ausbildung, bei 32 Prozent war dies nicht der Fall und bei den übrigen ließ es sich nicht feststellen.

Etwa ein Drittel der Patienten lebte mit der falschen Diagnose schon zwischen drei und neun Jahre, ein weiteres Drittel zehn oder mehr Jahre.

Von den Patienten, bei denen letztlich eine andere Erkrankung als MS diagnostiziert werden konnte, hatten 22 Prozent eine Migräne, 15 Prozent eine Fibromyalgie, 12 Prozent unspezifische, nicht genau lokalisierbare neurologische Symptome, 11 Prozent ein psychisches Problem und 6 Prozent eine Neuromyelitis optica (NMO). Diese fünf Krankheiten machen folglich zwei Drittel der Fehldiagnosen aus.

Häufige Störungen werden oft für MS gehalten

"Es sind überwiegend ganz häufige Störungen, die fälschlicherweise für eine MS gehalten werden", sagte Solomon. Dass Ärzte seltene Krankheiten als MS fehlinterpretieren, trage nur wenig zur Zahl der Fehldiagnosen bei.

70 Prozent der Patienten mit falscher MS-Diagnose haben eine Therapie mit Immunmodulatoren erhalten, 36 Prozent mehr als ein Präparat, 13 Prozent Alemtuzumab, einige auch Zytostatika wie Mitoxantron oder Cyclophosphamid. 30 Prozent wurden damit drei bis neun Jahre behandelt, ebenso viele zehn und mehr Jahre.

4 Prozent hatten sogar an klinischen Studien teilgenommen. Die befragten Neurologen waren sich bei einem Drittel der Patienten sicher, dass sie deutlich unter den Nebenwirkungen der Präparate litten.

Bei fast drei Viertel der Patienten habe es in der Vergangenheit klare Hinweise darauf gegeben, dass es sich nicht um eine MS handeln kann, berichteten die MS-Spezialisten.

Zu den verpassten Chancen zählten sie etwa Liquoruntersuchungen bei 52 der Patienten. Bei mehr als der Hälfte von ihnen war der Liquor unauffällig - es zeigten sich also weder oligoklonale Banden noch auffällige IgG-Werte.

Zwei Drittel der Diagnosen hätten nicht diagnostiziert werden dürfen

Rund zwei Drittel der Patienten hätten keine MS-Diagnose erhalten dürfen, hätten die Ärzte die geltenden MS-Diagnose-Kriterien rigoros angewandt, bei der Hälfte wäre dies auch nach den alten Kriterien der Fall gewesen, so das Urteil der MS-Spezialisten. So wurden etwa Berichte über Sehstörungen in der Anamnese als MS-Zeichen gedeutet, obwohl es dafür keine Befunde gab.

Jedoch sorgte vor allem die Bildgebung für Probleme: Bei über 30 Prozent der Patienten wurde die Lage der Läsionen irrtümlich als periventrikulär oder juxtakortikal ausgewiesen, obwohl sie das nicht war.

Bei 60 Prozent der Patienten glaubten die Ärzte vor allem dem MRT und weniger den klinischen Symptomen, die sich nicht als MS-typisch erwiesen. "Die MRT-Kriterien sind jedoch nicht zur Differenzialdiagnose geeignet. Sie sollen eine hohe Wahrscheinlichkeit für eine MS bei Patienten nahelegen, die typische neurologische Zeichen für Demyelinisierung zeigen", erläuterte Solomon.

So könnten auch Migränepatienten im MRT eine Dissemination über die Zeit präsentieren. Davon dürfe man sich nicht irritieren lassen. "Die MS-Diagnose bleibt eben eine Herausforderung."

"Mehr tun, um Diagnose zu sichern!"

Um eine Fehldiagnose und eine jahrelange Fehlbehandlung zu vermeiden, sollten Neurologen die Diagnosekriterien genauestens anwenden. Bei Patienten mit atypischen Symptomen oder atypischem MRT seien weitere Untersuchungen nötig, etwa eine Liquoranalyse oder weitere MRT-Aufnahmen zu späteren Zeitpunkten.

"Hier müssen wir mehr tun, um die Diagnose zu sichern", so Solomon.

Das führe jedoch zu einem gewissen Dilemma: "Wir wollen die Patienten früh behandeln, das ist wichtig." Ärzte sollten aber immer wieder darüber nachdenken: Ist das wirklich eine MS? Vor allem, wenn sie um eine Zweitmeinung gebeten werden.

Der Neurologe schlug vor, bei der nächsten Überarbeitung der MS-Diagnosekriterien den Vorteil einer raschen Diagnose gegen die Risiken einer Fehldiagnose und Fehlbehandlung besser abzuwägen.

In der Diskussion zu dem Thema gab Professor John Corby von der Universität in Aurora, Colorado, zu bedenken, die MRT-Aktivität sei zwar der beste verfügbare Biomarker bei MS, gleichwohl sei das Verfahren relativ unspezifisch, Ärzte sollten sich also nicht zu sehr auf die MRT-Befunde verlassen.

Die Frage sei auch, wer die MRT-Aufnahmen auswerte. "Nicht immer sind das die behandelnden Neurologen."

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