Ärzte Zeitung, 04.03.2008

Genetischen Ursachen der Schizophrenie auf der Spur

Risikogene werden mit Assoziationsstudien identifiziert

MÜNCHEN (wst). Ergebnisse aus Zwillings-, Familien- und Adoptionsstudien sprechen klar für eine genetische Basis der Schizophrenie. Weltweit arbeiten Forscher daran, Risikogene für Schizophrenie zu finden, um neue Ansätze für Dignostik und Therapie zu schaffen. Mit moderner Technik beteiligt sich auch das Genetics Research Centre (GRC) in München an der Suche.

Die Situation ist für viele Schizophreniekranke immer noch unbefriedigend: Auch mit modernen Medikamenten nimmt die Erkrankung bei etwa 40 Prozent aller Betroffenen einen chronisch-progredienten Verlauf, und nur etwa 20 Prozent aller Schizophrenie-Patienten kehren in eine dauerhafte Vollzeitbeschäftigung zurück. Daran hat Privatdozent Dan Rujescu von der LMU in München erinnert. Neue Therapien seien daher dringen nötig.

Da eine Schizophrenie auch bei Verwandten von Erkrankten gehäuft auftritt, auch bei solchen, die nie Kontakt mit den Betroffenen hatten, gilt eine genetische Voraussetzung bei Schizophrenie als sicher. Allerdings wird von einer komplexen polygenen Disposition ausgegangen, bei der sich die Erkrankung erst unter dem Einfluss belastender Umweltfaktoren manifestiert.

Um Risikogene für Schizophrenie aufzuspüren, macht man vor allem Assoziationsstudien. Dabei suchen Experten anhand möglichst großer Vergleichsgruppen nach signifikanten Unterschieden im Genom von Schizophrenie-Patienten und gesunden Teilnehmern, sagte Rujesko auf einer Veranstaltung des GRC in München. Mit der vom Unternehmen GlaxoSmithKline bereitgestellten Hochdurchsatz-Technik können im GRC täglich bis zu 100 000 Gentypisierungen gemacht werden. Das GRC wird gemeinsam von dem Unternehmen und der LMU betrieben.

Um die Genorte für die Suche nach Risikogenen einzugrenzen, bedient man sich Endophänotypen. Dabei handelt es sich um neurobiologisch bedingte Eigenschaften, die bei Schizophrenie-Kranken im Vergleich zu Gesunden überzufällig häufig auftreten - oft schon vor der Krankheitsmanifestation - aber weniger kom-plex genetisch determiniert sind als die Gesamterkrankung. Endophänotypen sind etwa das Arbeitsgedächtnis, das verbale Gedächtnis, das visuelle Gedächtnis oder die kognitive Verarbeitungsgeschwindigkeit.

Analysiert werden auch Gene, die im Neurotransmitterhaushalt von Bedeutung sind. Außer der dopaminergen, der serotonergen und der GABAergen Transmission rücken zunehmend auch Störungen des glutamatergen Systems in den Blick. Ausschlaggebend dafür sind Beobachtungen, wonach Glutamat-Antagonisten wie die Psychodroge Phenyl-Cyclidin-Piperidin Schizophrenie-ähnliche Symptome hervorrufen können.

Wer etwa aufgrund einer Genanalyse erfährt, dass er ein überdurchschnittliches Schizophrenie-Risiko trägt, wäre vielleicht eher zu motivieren, nie Cannabis zu rauchen, so Rujescu. Denn der Gebrauch dieser Droge kann bei genetisch Vorbelasteten den Ausbruch begünstigen.

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