Ärzte Zeitung, 28.06.2010

Oft Selbstverletzungen nach Sexualdelikten

Etwa jede fünfte junge Frau, die nach einem Sexualdelikt untersucht wird, hat Spuren von Selbstverletzungen. Solche Selbstverletzungen können darauf deuten, dass es bereits schon früher zu körperlichen und sexuellen Misshandlungen kam.

Von Thomas Meissner

Oft Selbstverletzungen nach Sexualdelikten

Selbst beigebrachte Verletzungen bei weiblichen Opfern von Gewalt. Typisch für Selbstverletzungen sind mehrfache, meist oberflächliche und gleichmäßig tiefe Hautläsionen und Verletzungen in paralleler Anordnung. Sensible Körperareale werden bei Selbstverletzungen jedoch häufig ausgespart.

© Springer Medizin Verlag

HAMBURG. Frauen, die sich in der Rechtsmedizinischen Untersuchungsstelle der Universität Hamburg wegen eines sexuell motivierten Deliktes untersuchen ließen, wiesen häufiger alte, selbst beigebrachte Verletzungen auf als Opfer aus anderen Deliktgruppen. Bei diesen Frauen handele es sich offenbar um Opfer mit einem besonders erhöhten Beratungs- und Behandlungsbedarf, schreiben Privatdozentin Dr. Dragana Seifert und ihre Kollegen vom Institut für Rechtsmedizin der Universität in der Zeitschrift Rechtsmedizin (2009; 19: 325).

3500 Frauen innerhalb von sechs Jahren untersucht

Die Rechtsmedizinische Untersuchungsstelle in Hamburg war 1998 für die Opfer von Gewalt eingerichtet worden, damit diese ihre Verletzungen gerichtsverwertbar dokumentieren lassen können. Von 3500 innerhalb von sechs Jahren untersuchten Frauen wiesen 204 Zeichen selbst verletzenden Verhaltens auf, so Seifert. Mehr als die Hälfte dieser Frauen kamen nach einem sexuell motivierten Übergriff, weitere 20 Prozent nach Beziehungskonflikten.

Typisch für Selbstverletzungen sind mehrfache, meist oberflächliche und gleichmäßig tiefe Hautläsionen und Verletzungen in paralleler Anordnung.

Ein weiterer Hinweis auf Selbstverletzungen ist, dass sehr sensible Körperareale von den Frauen ausgespart werden. Manchmal fügen sich Opfer sexuell motivierter Gewalt zusätzlich frische Verletzungen zu, berichten Seifert und Kollegen.

Das war in der Studie der Hamburger Rechtsmediziner allerdings, anders als bei alten Selbstverletzungen, nicht häufiger als bei anderen Tatmotiven und nur selten sollte eine Straftat vorgetäuscht werden. Insgesamt wurden bei 18 Prozent der Opfer von Sexualdelikten zusätzliche Verletzungen gefunden, die nicht mit dem geschilderten Tathergang übereinstimmen.

Frauen haben Zeichen für erhöhte Risikobereitschaft

Als interessant werteten es die Rechtsmediziner, dass Frauen mit selbst verletzendem Verhalten häufiger als andere Opfer angaben, dass sie den Täter zuvor flüchtig gekannt hatten. Dies, so die Hamburger Rechtsmediziner, könnte als Zeichen für ein risikobereites Verhalten gedeutet werden, wie es bei Borderline-Patienten beschrieben wird. Der Verdacht auf eine psychische Störung dürfe jedoch keinesfalls zu Rückschlüssen auf die Glaubwürdigkeit der Betroffenen verleiten, schreiben die Wissenschaftler.

Seifert und Kollegen weisen in diesem Zusammenhang darauf hin, dass Frauen, die in ihrer Kindheit sexuell misshandelt worden sind, später viermal häufiger Opfer sexueller Gewalt werden.

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