Ärzte Zeitung, 22.08.2011

Suizidgefahr Internet?

Drei junge Mädchen nehmen sich gemeinsam das Leben. Verabredet hatten sie ihre Tat im Internet. Die Ermittler rätseln über das Motiv. Sind Facebook und Co eine neue Gefahr für verzweifelte Jugendliche? Experten sind skeptisch.

Von Thomas Meißner

Websites zu Suizid eher hilfreich und präventiv angelegt

Das Waldstück bei Holdorf: Hier hatten sich die drei Mädchen gemeinsam das Leben genommen - nachdem sie sich im Internet dazu verabredet hatten.

© dpa

Die kollektive Selbsttötung dreier junger Frauen in Niedersachsen hat wieder Aufmerksamkeit für das Thema Suizid geweckt. Der Fall ist nicht nur deshalb ungewöhnlich, weil es bei 15- bis 19-jährigen Frauen vergleichsweise selten vollendete Suizide gibt.

Er ist auch deshalb besonders, weil die Vermutung nahe liegt, dass sich die Frauen übers Internet kennen gelernt und getroffen haben, um ihr Vorhaben, sich in einem abgelegenen Waldstück mit Kohlenmonoxid zu vergiften, in die Tat umzusetzen. Die drei Frauen stammten aus Thüringen, dem Emsland und Bayern.

Privatdozentin Barbara Schneider aus Frankfurt am Main, Sprecherin der Deutschen Gesellschaft für Suizidprävention (DGS), widerspricht dem Eindruck, das Internet würde Suizide oder kollektive Suizide fördern.

Eher sei das Gegenteil der Fall: "In der Regel sind Websites und Foren zum Thema Suizid eher hilfreich und präventiv angelegt", betont sie. Sie und ihre Kollegen haben kaum Internetseiten gefunden, die zum Suizid ermuntern, Anleitungen oder Verabredungen zum Suizid anbieten.

Zudem gibt es keine Hinweise, dass kollektive Selbsttötungen in den vergangenen Jahren zugenommen hätten. Die hat es auch früher schon gegeben, vor allem bei Paaren.

Warnsignale frühzeitig erkennen

Seit vielen Jahren ist die Suizidrate in Deutschland rückläufig: Noch Anfang der 1980er Jahre haben sich jährlich fast 20.000 Menschen selbst getötet.

In den vergangenen Jahren waren es deutlich unter 10.000. "Der Suizid ist aus der tabuisierten Ecke herausgekommen und auch Erkrankungen, die das Suizidrisiko erhöhen", betont Schneider.

Seit 2003 gibt es das Nationale Suizid-Präventionsprogramm, das für Warnsignale eines Suizids sensibilisiert. Dazu gehören Hinweise für die Medien zu verantwortungsbewusster Berichterstattung.

Denn besonders die detaillierte Schilderung der Umstände animiert zur Nachahmung: So versuchen nach Fernsehsendungen wie "Der Tod eines Schülers" oder bei Suiziden Prominenter wie dem Fußballer Robert Enke vermehrt Menschen, sich selbst zu töten.

Daher hat die DGS Anhaltspunkte für eine angemessene Berichterstattung erarbeitet, wonach etwa das Hervorheben eines Suizids als spektakulär, als nachvollziehbar oder romantisierend ("Im Tod mit der Liebsten vereint") vermieden werden sollen. Im Mittelpunkt sollten Hintergründe der Suizidgefährdung, Risiken und die Trauer der Angehörigen stehen.

Angeschlagene Psyche als Hauptrisiko

Etwa 80 Prozent aller Suizide werden angekündigt: mit Signalen verbaler ("So kann ich nicht weitermachen") und nonverbaler Art, etwa Sammeln von Medikamenten, Mitnehmen eines Stricks oder sozialer Rückzug. Viele Suizidgefährdete suchen noch einen Arzt auf, wo sie allerdings meist andere als ihre psychischen Probleme ansprechen.

Der wichtigste einzelne Risikofaktor für Suizid sei eine psychische Erkrankung, so Schneider. Dazu gehören vor allem Suchterkrankungen, Schizophrenie, affektive oder Persönlichkeitsstörungen. Aber auch schwere neurologische oder Krebserkrankungen gelten als Risiko.

Hinzu kommen soziale Faktoren und negative Lebensereignisse. Wer früher bereits einen Suizid versucht hat, dessen Risiko für erneute Versuche ist 15- bis 30-fach erhöht. Dies hebt die konsequente ambulante Nachsorge hervor.

"Ein besonderes Problem sind Migranten, vor allem junge türkische Frauen", ergänzt Schneider. Bei ihnen sei die Rate versuchter Suizide hoch, Hilfsangebote dringen schlecht zu ihnen durch.

Präventiv: Soziale Netzwerke

9700 Suizide im Jahr 2006 und 7200 Suizide im Jahr 2009 sind immer noch sehr viel. Prävention muss daher an den beeinflussbaren Risikofaktoren ansetzen. Aus medizinischer Sicht sind dies die oft zugrunde liegende psychische Erkrankung oder Substanzmissbrauch.

Primär präventiv wirken soziale Netzwerke, gute Bedingungen in den Schulen und am Arbeitsplatz, Sicherungen an Gebäuden und die Restriktion von Suizidmitteln wie Waffen, Medikamenten oder Chemikalien.

Zudem müsse ein gesellschaftliches Klima geschaffen werden, in welcher die Suizidproblematik ernst genommen wird, so die DGS. Das bestehende Netzwerk von Institutionen und Beratungsmöglichkeiten, wie die Telefon-Seelsorge oder lokale Kriseninterventionseinrichtungen, müssen bekannt gemacht und gut zugänglich sein.

Infomaterial unter www.suizidpraevention-deutschland.de. Leitlinie zur Krisenintervention, Liste der Einrichtungen zur Suizidprävention www.suizidprophylaxe.de

[22.08.2011, 10:11:03]
Dr. Christoph Specht 
9700 Suizide im Jahr 2006 und 7200 Suizide im Jahr 2009 sind immer noch sehr viel.
Lieber Herr Meißner, vielen Dank f. den - wie immer - sehr guten Artikel. Aber woher stammen die Zahlen? Meiner Kenntnis nach gab es 2006 10.265 Suizide, 2007 9.402 und 2009 9.616. Die Angaben sind oft etwas unterschiedlich, aber immer knapp um die 10.000. 7200 in 2009 wäre da schon eine Sensation. Hätten Sie da eine Quelle für mich?

Vielen Dank!
Dr. Specht zum Beitrag »
[22.08.2011, 09:26:47]
Armin Reitz 
Wenn Menschen sich das Leben nehmen!
Früher sagte man vielleicht:
Wie kann er / sie denn das Leben wegwerfen!
Selbstmörder wurden außerhalb der Friedhofsmauern ohne Segen beerdigt.
heute:
Wenn Menschen sich das Leben nehmen, dann muss man doch heute fragen: Was nehmen sie sich in der letzten Phase ihrer Lebendigkeit?
Nehmen sie sich DAS LEBEN, das sie vorher nicht hatten?
Was fehlte ihnen in ihrem Leben?
Was hat ihnen unsere Gesellschaft vorenthalten, dass ihnen das Leben nicht LEBENSWERT erscheint?
 zum Beitrag »

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Mehr Metastasen

Immer mehr Männer mit Prostatakrebs in den USA haben schon bei der Diagnose Metastasen. Ihr Anteil hat sich fast verdoppelt. Auch die Inzidenz solcher Tumoren nimmt zu. mehr »

Deutsches Defizit

Diabetes-Prävention, Strategien gegen Polypharmazie, digitale Versorgungsangebote: Neue Initiativen gibt es zuhauf. Doch Patienten müssen davon wissen. Genauo daran hapert es aber. mehr »

"Einfache Ersttherapie ist für fast alle Patienten möglich"

Die antiretrovirale Therapie ist bei neu diagnostizierter HIV-Infektion stets angezeigt, und zwar unabhängig vom Stadium der Infektion oder der Helferzellzahl. mehr »