Ärzte Zeitung, 20.01.2005

Je mehr Tiefschlaf, desto besser das Gedächtnis

Möglicher Therapieansatz bei Schizophrenie-Patienten mit Gedächtnisstörungen / Studie an der Uniklinik in Kiel

KIEL (nke). Wenn der Tiefschlaf gestört ist, zum Beispiel aufgrund einer seelischen Erkrankung, schadet das dem Gedächtnis. Den Zusammenhang zwischen Schlafstörung und Lernleistung haben Kieler Schlafmediziner bei Patienten mit Schizophrenie nachgewiesen.

Wer nicht genug schläft, kann nicht gut lernen. Denn während des Schlafs wird Gelerntes im Gedächtnis gespeichert. Grundsätzlich unterscheiden Gedächtnisforscher zwischen Gedächtnis, daß durch bewußtes Lernen entsteht, etwa beim Lernen von Prüfungsstoff, sowie Gedächtnis, das weitgehend unbewußt entsteht, etwa beim Lernen von Bewegungsabläufen. Für das bewußte Gedächtnis ist vor allem der Tiefschlaf, für das unbewußte Gedächtnis eher der Traumschlaf nötig, berichtet Dr. Robert Göder aus Kiel.

Bei Patienten mit Schizophrenie ist oft das bewußte Gedächtnis gestört. Die Patienten haben oft auch Schlafstörungen. Ob es einen Zusammenhang zischen Schlaf- und Gedächtnisstörungen bei Schizophrenie gibt, haben der Leiter des Schlaflabors der Kieler Universitätsklinik und sein Team jetzt bei 17 Patienten und 17 Gesunden untersucht (J Psychiatr Res 38, 2004, 591).

Vor dem Zubettgehen und nach dem Aufwachen mußten die Studienteilnehmer spezifische Gedächtnistests ablegen. Damit sollte die Lernleistung über die Nacht festgestellt werden. Dazwischen wurde der Schlaf dokumentiert.

Patienten mit Schizophrenie benötigten mehr Zeit bis zum Einschlafen, schliefen schlechter und hatten insgesamt weniger Tiefschlaf im Vergleich mit gesunden Teilnehmern. Die Gedächtnisleistung war, wie erwartete, ebenfalls schlechter als bei Gesunden. "Je mehr Tiefschlaf die Patienten hatten, desto besser war die Gedächtnis-Leistung. Je weniger, desto schlechter die Leistung", so Dr. Dunja Hinze-Selch von der Uniklinik Kiel zur "Ärzte Zeitung".

Unklar ist noch, ob die Dauer des Tiefschlafs oder der Anteil des Tiefschlafs an der gesamten Schlafdauer entscheidend ist. "Im Moment sieht es so aus, daß es beim Tiefschlaf einen Schwellenwert gibt. 20 bis 25 Minuten Tiefschlaf könnte so ein Wert sein, der für die maximale Lernleistung nötig ist."

Aus diesen Befunden ergibt sich auch ein neuer Therapieansatz für die Betroffenen. So könnten durch gezielte Beeinflussung des Schlafes, etwa durch Medikamente, auch das Gedächtnis verbessert werden. Denn die eingeschränkte Gedächtnisleistung belastet die Schizophrenie-Patienten sehr und behindert deren soziale Integration. Medikamente, die gezielt den Tiefschlaf fördern, gibt es jedoch noch nicht, es wird aber daran geforscht.

Wäre eine solche Pille, mit der man den Tiefschlaf verlängert, nicht auch für Gesunde interessant? Göder ist skeptisch: "Ob man als Gesunder viel besser lernt, wenn man noch mehr Tiefschlaf hat, ist sehr fraglich. Von einem solchen Medikament könnten vermutlich vor allem die Menschen profitieren, die aufgrund einer Erkrankung keinen Tiefschlaf mehr haben. Sie könnten eventuell einen Teil der Gedächtnis-Defizite wieder ausgleichen."

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