Ärzte Zeitung, 08.02.2006

Tips zur Therapie schlafloser Schichtarbeiter

Schlafstörungen oft Leitsymptom komplexer Störungen / Risiken für Erkrankungen bei Schichtarbeitern erhöht

Schichtarbeit ist streng gesehen ungesund und verschlechtert bei den meisten Menschen das Wohlbefinden und die Leistungsfähigkeit. Der menschliche Organismus ist primär nicht darauf ausgerichtet, zu ständig wechselnden Tageszeiten zu arbeiten oder zu schlafen.

Junge Frau in einer Autofabrik. Gerade in der Fahrzeugindustrie ist Schichtarbeit oft unumgänglich. Nicht jeder Arbeitnehmer ist für Schichtarbeit geeignet. Foto:dpa

Von Göran Hajak und Jürgen Zulley

Die biologischen Signale unserer inneren Uhr verlangen einen möglichst stabilen und dem Tag-Nacht-Wechsel angepaßten Schlaf-Wach-Rhythmus. In unserer modernen Industriegesellschaft gibt es jedoch Arbeitsfelder, in denen man auf Schichtarbeit nicht verzichten kann oder möchte.

Da Schichtarbeit zumeist besonders gut bezahlt wird, melden sich auch Menschen dazu, die sie eigentlich nicht gut vertragen. Die Folgen sind häufig ein gestörter Schlaf und eine verminderte Vigilanz bei Schichtarbeitern. Dies ist in erster Linie als exogen verursachte Schlaf-Wach-Rhythmusstörung zu verstehen, nicht in erster Linie als Krankheit.

Selbsttherapie mit Alkohol und frei verkäuflichen Schlafmitteln

Die Ärzteschaft nimmt daher zumeist eine kritische Haltung gegenüber einer Pharmakotherapie zur Linderung dieser Beschwerden ein und scheut sich besonders vor einer längerfristigen Medikamentenverschreibung an Schichtarbeiter. Es besteht die berechtigte Angst, eine Arzneimittelabhängigkeit zu induzieren und die Leistungsfähigkeit durch unerwünschte Wirkungen der Medikamente eher zu verschlechtern als zu verbessern.

Dies läßt gerne vergessen, daß gerade bei einer fehlenden Behandlung durch Übermüdung ein erhebliches Unfallrisiko entsteht. Die Betroffenen reagieren zudem nicht selten mit Selbstmedikation durch freiverkäufliche Schlafmittel oder Alkohol.

Vier Wege, den Schlaf pharmakologisch zu verbessern

Die wissenschaftliche Datenlage weist auf vier mögliche Wege hin, wie der Schlaf und die Leistung vor allem bei Schlafstörungen infolge Schichtarbeit pharmakologisch verbessert werden können:

  • Schlafanstoßend und schlafstabilisierend wirken moderne Hypnotika aus der Gruppe der Benzodiazepin-Rezeptor-Agonisten. Um das potentielle Abhängigkeitsrisiko der Substanzen zu mindern, soll die Einnahme zeitlich auf 3 Tage (zum Schichtwechsel) begrenzt werden. Mögliche Überhangeffekte lassen sich durch ultrakurz wirksame Substanzen wie Zaleplon oder kurzwirksame wie Zolpidem und Zopiclon minimieren.
  • Aktivierend und leistungsverbessernd wirkende Stimulantien eignen sich, wenn sie zu Beginn der erwünschten Wachzeit eingenommen werden. Die Anwendung einiger Substanzen, etwa aus der Gruppe der Amphetamine, ist problematisch auf Grund des Mißbrauchspotentials und der unerwünschten psychotropen Effekten, etwa Erregungszustände und Psychosen. Koffeinhaltige Agenzien und moderne, für die Indikation Schichtarbeitersyndrom zugelassene Wirkstoffe wie Modafinil wirken vigilanzsteigernd bei deutlich besserem Sicherheitsprofil.
  • Die chronobiologische Therapie mit Melatonin kann bei gezielter Einnahme die Periode der inneren Uhr an einen gewünschten Zeitpunkt stabilisieren. Der Einnahmezeitpunkt bestimmt den Effekt, den zusätzliche Faktoren wie Essen und helles Licht stören können. Die Handhabung verlangt zumeist einen Experten. Melatonin-Präparate sind zudem nur aus dem Ausland zu beziehen.
  • Antriebs- und stimmungsstabilisierend wirken Antidepressiva. Sie müssen regelmäßig über Wochen eingenommen werden und verbessern nicht nur den Schlaf oder die Vigilanz, sondern auch die bei Schichtarbeitern häufig auftretenden depressiven und psychosomatischen Symptome. Schlaffördernde Substanzen wie Mirtazapin und Trimipramin werden zur gewünschten Einschlafzeit eingenommen, aktivierende Substanzen wie Reboxetin, Escitalopram oder Fluoxetin nach dem Erwachen. Unerwünschte Wirkungen dieser Substanzen machen zum Teil eine individuelle Dosistitration und eine regelmäßige und intensive medizinische Betreuung erforderlich.

Medikation kann komplexe Störungen maskieren

Jedem Arzt muß klar sein, daß Personen mit körperlichen oder seelischen Beschwerden infolge von Schichtarbeit eine Risikogruppe darstellen. Experten warnen daher vor einer unkontrollierten Verwendung der genannten Pharmaka. Die Substanzen erhöhen die individuelle Grenzbelastung im Schichtbetrieb.

Dadurch wird der potenzielle Zusammenbruch des psychophysiologischen Systems oft nur verschoben. Gerade schlaf-wach-gestörte Menschen im Schichtbetrieb haben ein erhöhtes Risiko für viele Erkrankungen. Das Belastungslimit dieser Menschen medikamentös zu erhöhen bedeutet, wichtige Warnsignale des Körpers zu ignorieren anstatt die exogenen Auslöser abzustellen.

Tatsächlich sind Schlafstörungen oft nur das Leitsymptom komplexerer Störungen, die eine spezifische Therapie verlangen. Medikamente können dies maskieren. Jegliche Verschreibung von Pharmaka an Patienten, die als Folge der Schichtarbeit Probleme bekommen haben, muß daher wohl überlegt, gut begründet und detailliert dokumentiert sein. Außerdem müssen die Patienten im Verlauf der Behandlung gut betreut werden.

Professor Göran Hajak, Professor Jürgen Zulley, Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Universität Regensburg, Universitätsstraße 14, 93042 Regensburg

Schichtarbeit ist oft kontraindiziert

Bei vielen Erkrankungen empfehlen Arbeitsmediziner, auf Nachtschichten möglichst zu verzichten. Dazu gehören vor allem chronische oder rezidivierend akute Magen-Darm-Erkrankungen, Leber-, Schilddrüsen- und Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes mellitus, Epilepsie und psychische Erkrankungen. Auch wer unter Schlafstörungen leidet, sollte Schichtarbeit meiden, weil der Schlaf davon noch schlechter wird. Es ist durchaus zu überlegen, solche Patienten per Attest vom Schichtdienst zu befreien, wenn diesen dadurch keine schwerwiegenden sozialen Nachteile entstehen.

Kein Kaffee in der zweiten Nachthälfte

Schlechte Schichtpläne kann man nur schwer ausgleichen. Chronobiologische Erkenntnisse legen nahe, in einem idealen Schichtplan die Beschäftigten nur zu einzelnen Nachtschichten einzuteilen. Denn die meisten Menschen können eine durchwachte Nacht problemlos kompensieren. Als zweitbeste Variante empfehlen Experten maximal drei Nachtschichten hintereinander.

Ein schnell rotierendes Schichtsystem mit wenigen Tagen in der gleichen Schicht ist dabei chronobiologisch besser zu bewältigen als ein langsam rotierendes, etwa eines im Wochenrhythmus. Wechselschichten sollten immer nach vorne rotieren, also in der Reihenfolge Frühschicht, Spätschicht, Nachtschicht.

Nachtschichtarbeiter sollten auch ihre Ernährung dem veränderten Rhythmus anpassen. Vor Beginn der Nachtschicht sollte man gut essen und dann während der Nacht zwei leichte, bevorzugt warme Mahlzeiten zu sich nehmen - die letzte gegen vier Uhr. Sich nachts, vor allem in der zweiten Nachthälfte, mit Kaffee wach zu halten, ist nicht sinnvoll, da das Koffein den morgendlichen Erholungsschlaf stört.

Den Schlaf nach Nachtschichten kann man in zwei Etappen teilen, etwa in vier Stunden morgens und zwei bis drei Stunden abends. Ein kühler, ruhiger Schlafraum ist wichtig, da der Tagesschlaf flacher ist als der Nachtschlaf und dadurch leichter gestört werden kann.

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