Ärzte Zeitung, 20.03.2009

Biofeedback: Entspannung für schlafgestörte Patienten

So wie sich Patienten selbst Stress im Kopf machen, so können sie die Kraft ihrer Gedanken auch gezielt nutzen, um zur Ruhe zu kommen.

Von Ruth Ney

Unter EMG-Kontrolle wird geübt, bestimmte Muskeln, etwa den Kiefermuskel, zu entspannen.

Foto: Deutsche Gesellschaft für Biofeedback

Auf die Fähigkeit des Gehirns, unbewusste Körpersignale willentlich zu lenken, zielt ein Neurobiofeedback-Training ab. Außer für Patienten mit Epilepsie, Migräne oder ADHS ist das Verfahren auch bei nichtorganisch bedingten Insomnien eine gute Option, ohne Schlaftabletten zu einer erholsamen Nachtruhe zurückzufinden, ist Lothar Niepoth aus München überzeugt. Der Psychologe und Psychotherapeut bietet Patienten mit Einschlafstörungen daher eine Kombination aus Biofeedback zur gezielten Muskelentspannung und Neurofeedback zur Minderung schlafbehindernder Gedankengänge an.

"Im Prinzip lernen die Patienten, muskulär und mental einen Entspannungszustand herzustellen, den sie brauchen, um einzuschlafen", so Niepoth. Dazu lernen sie zum einen - angeleitet unter EMG-Kontrolle - die Markermuskeln für einen entspannten Zustand wahrzunehmen und zu lockern: den M. trapezius, M masseter und M. frontales. Der Computer gibt den Patienten dabei das Feedback, wann eine bestimmte Stufe der Entspannung erreicht ist.

Gedankenrasen soll verhindert werden

Zum anderen wird unter EEG-Kontrolle der sensomotorische Rhythmus (SMR) beeinflusst, wie Niepoth zur "Ärzte Zeitung" sagte. "Wir versuchen dabei die Beta-Frequenzen herunterzutrainieren, als ganz grob gesagt aktive Gedanken oder Gedankenrasen zu verringern." Auch hier zeige ein akustisches Signal den Erfolg an und zwar nur, wenn die Muskelentspannung erhalten bleibe. Wenn die Patienten das Gefühl haben, dass sie sich kontrolliert in einen einschlafnahen Zustand versetzten können, wird versucht, diesen Zustand ohne PC-Rückmeldung zu erreichen. "Wichtig ist, dass sich die Patienten den inneren Zustand der Ruhe merken, den sie in dem Augenblick erreichen, wenn das Erfolgssignal ertönt", so der Psychologe. "Dann können sie sich vor dem Schlafengehen immer darauf einstellen."

Bis das gelingt, dauert es allerdings eine Weile. Nach Niepoths Erfahrung sind 8 bis 20 Biofeedback-Einheiten nötig, begleitet von verhaltenstherapeutischen Maßnahmen, um Schlafhygiene und Stressabbau zu bessern. "Wie schnell sich die Einschlafstörung bessert, hängt meist von der Anzahl der Stressfaktoren ab, unter denen der Patient leidet", sagt Niepoth. Treten Schlafstörungen auf, dann leiden die Betroffenen zudem darunter, dass sie etwas zuvor Selbstverständliches wie Einschlafen nicht mehr selbst steuern können. Und so beginnt sich ein gedankliches Hamsterrad zu drehen. Die Patienten fühlen sich zunehmend hilflos.

Acht bis 20 Sitzungen sind beim Biofeedback nötig.

Viele seien dann froh, dass sie mittels Biofeedback diese Kontrolle wieder zurückerlangten, so Niepoth. Dazu seien sie auch bereit, in die eigene Tasche zu greifen. Denn eine Biofeedback-Therapie bei Schlafstörung ist keine Kassenleistung. In München zahlen Patienten zwischen 100 und 120 Euro pro 50-minütiger Therapie.

Studiendaten belegen Erfolg des Verfahrens

Dass sich mit diesem Verfahren Einschlafstörungen bessern oder beheben lassen, bestätigen inzwischen etliche Studien. Aktuelle Daten zum erfolgreichen Einsatz von Biofeedback bei Schlafstörungen wurden auch im vergangenen Jahr bei der Jahrestagung der Europäischen Biofeedback Foundation von der amerikanischen Mayo Clinic in Rochester und von österreichischen Psychologen der Uni Salzburg vorgestellt.

"Das Biofeedback-Training ist kein Wundermittel. Für viele Patienten mit Schlafstörungen wird die erholsame Nachtruhe immer eine Schwachstelle bleiben", sagt Niepoth. Bei Stress könne es immer relativ leicht zu neuen Problemen kommen. "Aber die Betroffenen wissen dann, wie sie dagegen angehen können. Sie erkennen Auslöser früher und lassen sich auch nicht mehr so schnell entmutigen."

Damit der Behandlungserfolg anhält, empfiehlt der Psychologe seinen Patienten eine Booster-Sitzung nach einem halben und nach einem Jahr. Wie lange der Erfolg insgesamt anhalte, sei noch nicht richtig untersucht worden. Nach seiner Erfahrung bekommen vor allem diejenigen Patienten wieder Schlafprobleme, bei denen der Umgang mit den Stressfaktoren nicht richtig trainiert worden sei. "Schlafstörungen sind ein komplexes Problem und daher ist auch immer eine Gesamtbehandlung nötig", so Niepoths Credo.

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