Ärzte Zeitung, 14.12.2015

Gefährlich

Wenn das Leben anders getaktet ist als die innere Uhr

Der eine ist schon morgens fit, der andere wälzt sich am liebsten erst spät aus den Federn: Egal ob Lerche oder Eule - wer wegen der Arbeit seinen inneren Rhythmus verändern muss, lebt gefährlich.

Von Elke Oberhofer

Wenn das Leben anders getaktet ist als die innere Uhr

Welche Folgen bringt das ständige Verschieben des Schlaf-Wach-Rhythmus mit sich?

© photos.com PLUS

PITTSBURGH. Ob man beim ersten Vogelgezwitscher schon frisch auf der Matte steht oder sich am liebsten erst zum Mittagsläuten aus den Federn wälzen würde, hängt vom sogenannten Chronotyp ab.

Lerche oder Eule - je nachdem, welcher Gruppe man angehört, tut man sich leichter oder schwerer, sich gewissen sozialen Zwängen, insbesondere einem Arbeitsalltag, der frühes Aufstehen erfordert, zu beugen.

Wissenschaftler von der Universität Pittsburgh haben nun untersucht, ob es per se der Gesundheit schadet, sein Arbeitsleben im sozialen Jetlag, also entgegen der inneren Uhr zu führen, oder ob es in erster Linie Begleitmechanismen wie schlechtem Schlaf oder einer ungesunden Lebensweise zuzuschreiben ist, wenn es zu metabolischen Entgleisungen kommt.

Für ihre Studie konnten Patricia M. Wong und ihre Kollegen 447 gesunde Erwachsene mittleren Alters gewinnen, die an der Phase II des Adult Health and Behavior Projects (AHAB-II) teilnahmen (Clin Endocrinol Metab, online 2015, 18. November).

Die zwischen 30 und 54 Jahre alten Teilnehmer arbeiteten mindestens 25 Wochenstunden, und zwar regelmäßig und nicht im Schichtdienst.

Die US-Forscher fanden zunächst heraus, dass 84,8 Prozent der Studienteilnehmer an arbeitsfreien Tagen im Mittel später zu Bett gingen und dafür länger schliefen als unter der Arbeitswoche, was bedeutet, dass sich der zirkadiane Rhythmus bei ihnen jeweils zu Beginn der Arbeitswoche notgedrungen nach vorne verschob.

Nur bei 15,2 Prozent war es umgekehrt: Hier rückten die Zu-Bett-Geh- und Aufstehzeiten am Wochenende auf einen früheren Zeitpunkt und verzögerten sich dann wieder zum Wochenbeginn.

In die Kategorie "Eule" ließen sich vor allem jüngere Teilnehmer einteilen. Diese gingen nicht nur später zu Bett und wachten später auf, sondern hatten im Mittel auch eine schlechtere Schlafqualität und ein größeres Schlafdefizit; außerdem bewegten sie sich weniger und litten häufiger unter depressiven Symptomen.

"Eulen" haben schlechtere Fettwerte

Wie die US-Forscher berichten, war der zirkadiane Rhythmus eindeutig mit bestimmten Stoffwechselcharakteristika verknüpft. So maß man bei Teilnehmern vom abendlichen Chronotyp (Eulen) im Mittel deutlich höhere Triglyzerid- und niedrigere HDL-Cholesterin-Werte.

Dies, so betonen die Forscher um Wong, galt auch dann, wenn man demografische Faktoren und Schlafcharakteristika berücksichtigte.

Ein sozialer Jetlag, also das Missverhältnis zwischen innerer Uhr und tatsächlichen Schlafzeiten, korrelierte mit einer ganzen Reihe von Stoffwechselparametern, nicht nur mit Triglyzeriden, sondern auch mit dem Nüchterninsulin, der Insulinresistenz, dem Taillenumfang und dem BMI. Dabei wurde das Entgleisungsrisiko immer größer, je mehr der Jetlag zunahm.

Diese Zusammenhänge, so Wong und ihr Team, blieben auch dann bestehen, wenn man ungesundes Verhalten, also viel Alkohol, Rauchen und wenig Bewegung, sowie depressive Symptomatik als Einflussfaktoren herausrechnete.

Dagegen hatte der Chronotyp für sich genommen im voll adjustierten Rechenmodell kaum mehr Einfluss auf die Blutfettwerte. Unbeeinflusst, sowohl vom Chronotyp als auch vom sozialen Jetlag, blieben außerdem Ruheherzfrequenz und Blutdruck.

In jungen Jahren Eule, später Lerche

Generell findet sich der Eulentyp vor allem in der Altersgruppe der jungen Erwachsenen; mit fortschreitendem Lebensalter verlagert sich der Chronotyp mehr in Richtung Lerche.

In dem hier untersuchten Studienkollektiv mittleren Alters entsprachen denn auch nur 4,9 Prozent den Kriterien für den abendlichen Chronotyp, mit einem Wert von höchstens 26 auf der Composite Morningness Scale (CSM).

Beim Großteil der Studienteilnehmer handelte es sich also um "Lerchen". Dies war wohl auch der Grund, warum die Abweichung vom Biorhythmus während der Arbeitswoche im Mittel nur 44 Minuten betrug. In der Gesamtbevölkerung, spekulieren Wong und Kollegen, könnte sich der soziale Jetlag deutlich stärker auf das metabolische Risiko auswirken.

Warum das metabolische Risiko steigt, wenn man die innere Uhr sozusagen gewaltsam aus dem Takt bringt, lässt sich den Autoren zufolge so erklären: So lässt sich im Gehirn tatsächlich eine Art "innerer Uhr" lokalisieren, nämlich in einem Bereich im ventralen Hypothalamus, dem sogenannten Nucleus suprachiasmaticus.

Dieser, so Wong und Kollegen, bildet zusammen mit Oszillatoren in der Peripherie ein Feedback-System, über das bestimmte Gene in tageszeitlich abhängigen Rhythmen an- und abgeschaltet werden.

Langzeitfolgen: Diabetes und KHK

Viele Stoffwechselabläufe unterliegen einer zirkadianen Rhythmik, so die Fettakkumulation in adipösem Gewebe, die Insulinsekretion in Pankreas und Leber sowie die Resorption von Nahrungsbestandteilen im Verdauungstrakt.

Der soziale Jetlag bringt möglicherweise diese sensiblen zeitgesteuerten Mechanismen durcheinander. Adipositas, Typ-2-Diabetes und atherosklerotische Herz-Kreislauf-Schäden sind den Forschern zufolge mögliche Langzeitfolgen.

Nach Angaben der Studienautoren ist ihre Studie die erste, die den Zusammenhang zwischen sozialem Jetlag und metabolischen Risikofaktoren in einem durchschnittlichen und nicht aus Schichtarbeitern bestehenden Kollektiv zeigt.

Die Erkenntnisse lassen sich möglicherweise präventiv nutzen: Durch Maßnahmen, die dazu beitragen, den Tagesablauf dem eigenen Schlaf-Wach-Rhythmus besser anzupassen.

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