Ärzte Zeitung, 01.06.2004

Drogenkonsumräume - mehr Chancen als Risiken?

Europäische Beobachtungsstelle sieht Erfolg von Einrichtungen nur, wenn das Gesamtkonzept der Beratung stimmt

KÖLN (iss). Drogenkonsumräume können dazu beitragen, die Gesundheitsrisiken der Abhängigen zu minimieren. Nach bisheriger Erfahrung führen sie weder zu einem höheren Drogenkonsum bei Suchtkranken noch verleiten sie Menschen zum Einstieg in den Konsum.

Die Spritze in den Unterarm: Verleiten Fixerstuben dazu, Drogenkosum zu steigern? Foto: dpa

Langfristig Sinn machen die Einrichtungen allerdings nur, wenn sie in ein umfassendes Konzept der Drogenarbeit und von Hilfsangeboten eingebettet sind. Zu diesem Ergebnis kommt eine Untersuchung der Europäischen Beobachtungsstelle für Drogen und Drogensucht (EBDD) in Lissabon.

Sie faßt die Ergebnisse aus 15 neuen Studien zu den Auswirkungen von Drogenkonsumräumen auf die Gesundheit und die öffentliche Ordnung zusammen. Erfaßt werden 62 Konsumräume in 36 Städten aus vier Ländern (Deutschland, Schweiz, Niederlande und Spanien). Außer in den Niederlanden richten sich die Einrichtungen vor allem an Suchtkranke, die Spritzen benutzen.

Mit der Einrichtung von Drogenkonsumräumen seien vor allem drei Erwartungen verbunden gewesen, schreibt die Autorin des "Europäischen Berichts über Drogenkonsumräume" Dagmar Hedrich von der EBDD: die Abnahme von Morbidität und Mortalität bei den Drogenkonsumenten und die Verbreitung eines weniger risikobehafteten Verhaltens; eine höhere Inanspruchnahme von Gesundheits- und sozialen Hilfsangeboten inklusive der Drogentherapie; eine Verminderung des öffentlichen Drogenkonsums und der Belästigung von Anwohnern.

Diese Zielsetzungen können offensichtlich erreicht werden, schreibt Hedrich. In welchem Grad das geschieht, hänge allerdings davon ab, daß eine ausreichende Kapazität sowie angemessene Räume und Öffnungszeiten zur Verfügung stehen. "Um die Ziele zu erreichen, ist es ebenso notwendig, daß die Drogenkonsumräume in ein breites Netz von Angeboten eingebettet sind und sich auf einen politischen Konsens stützen können", heißt es in dem Bericht weiter.

Die mit dem überwachten Drogenkonsum verbundenen Vorteile überwiegen offensichtlich die Risiken, so Hedrich. Sie warnt allerdings vor zu großen Hoffnungen. Von den Einrichtungen sei weder die Verhinderung jeglichen öffentlichen Drogenkonsums zu erwarten, noch die Motivierung aller Abhängigen zu einem weniger risikobehafteten Umgang mit der Droge oder gar einer Therapie. Drogenkonsumräume allein können die Mortalitäts- und Morbiditätsraten der Suchtkranken nicht senken, sie können auch nicht die umfassenden Probleme des Drogenhandelns beseitigen, betont Hedrich.

Der Bericht steht unter http://www.emcdda.eu.int/?nnodeid=1327 im Internet.

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