Ärzte Zeitung, 30.08.2005

"Den Suchtrauchern machen wir Streß!"

Seit Anfang des Jahres gilt an Hessens Schulen Rauchverbot / Oft Flucht statt Einsicht

Von Ira Schaible

Manche Lehrer verlassen fluchtartig ihren Arbeitsplatz, und Schüler sammeln sich in Grüppchen an der Grenze zum Pausenhof: Das in Hessen zum Jahresbeginn in Kraft getretene bundesweit erste gesetzliche Rauchverbot an Schulen hat die Qualmerei vielerorts bloß verlagert.

Ein Schüler eines Frankfurter Gymnasiums zieht vor dem Schulhof an seiner Zigarette. Seit Anfang des Jahres ist Rauchen auf dem Schulgelände verboten. Foto: dpa

"Vorher war die Raucherecke innerhalb des Zaunes, jetzt ist sie außerhalb", berichtet die Vorsitzende des Landeselternbeirates, Sibylle Goldacker. Dies werde sich auch im neuen Schuljahr nicht automatisch ändern, wenn Verstöße bestraft werden sollen. "Das kann nur funktionieren, wenn die Schule eine eigene Nichtraucher-Kultur entwickelt." Dies ist einer Reihe von Schulen auch schon gelungen. Ähnliche Regelungen wie in Hessen gibt es auch in einigen anderen Bundesländern.

Hofaufsicht schreibt jeden Schüler auf, der raucht

Als ein Vorbild nennt das Kultusministerium die Fürst-Johann-Ludwig-Schule im mittelhessischen Hadamar, die landesweit als Initiatorin von Nichtraucher-Klassenwettbewerben bekannt ist. An der kooperativen Gesamtschule schreibt die Hofaufsicht jeden Schüler auf, der raucht. Ein Brief nach Hause und soziale Aufgaben wie etwa Putzen folgen auf dem Fuße.

"Das hat Wirkung", sagt Lehrer und Ex-Raucher Hubert Hecker. Vor allem auf die Gelegenheitsraucher. "Den 50 bis 60 Suchtrauchern machen wir Streß."

Wegen ihrer Vorbildfunktion für die Jüngeren dürfen die Schüler auch außerhalb des Geländes in Sichtweite der Schule nicht paffen. Der enge räumliche und zeitliche Zusammenhang mit der Schule erlaube dies, meint Hecker und stützt sich dabei auf eine in einer Fachzeitschrift vertretene Auffassung von Juristen. "Renitente Raucher", die mehrfach erwischt werden, müssen sich unter anderem mit abschreckenden Filmen über die gesundheitlichen Folgen des Lasters auseinander setzen.

"Verbot hat Impuls gegeben, Präventionsarbeit zu schärfen"

Auf dem Gelände der Wetzlarer Werner-von-Siemens-Schule wird seit Inkrafttreten des Verbots auch nicht mehr geraucht, Schüler und Pädagogen schloten aber auf einem stark befahrenen Radweg vor der Berufsschule. "Das ist ein ungelöstes Problem", sagt der stellvertretende Leiter, Wolfgang Schleer.

"Der Weg, die Leute zu überzeugen aufzuhören, ist das Schwierige." Vorbeugende Maßnahmen seien in Arbeit, so etwa ein Regelwerk für Verstöße und Entwöhnungs-Kurse. Wie in Wetzlar gilt nach Erkenntnissen des Frankfurter Schul- Suchtberaters Johannes Lischke auch in anderen Städten: "Das Verbot hat einen Impuls gegeben, die Präventionsarbeit zu schärfen."

15 Aschenbecher vor der Schule kosten pro Stück 1000 Euro

Das Verbot habe die Kommunikationskultur an seiner Schule verändert, berichtet der Leiter der Offenbacher Käthe-Kollwitz-Berufsschule, Gerd Müller. "Man muß den Lehrern jetzt nachlaufen und sie suchen, sie sind nicht mehr da." Viele Raucher fänden sich jetzt vor dem Schulgelände.

Die Stadt habe die Aschenbecher auf dem Schulhof demontiert. "Jetzt werden nach vier Monaten 15 neue vor der Schule installiert, die pro Stück 1000 Euro kosten." Der Grund: Nachbarn hatten sich über die vielen Kippen auf dem Bürgersteig beschwert.

Das Verbot schränke den Arbeitsplatz Schule für viele Lehrer ein, berichtet auch die Leiterin einer Frankfurter Berufsschule, Bianca Wiegmink. "Die fliehen aus der Schule, und das kommt ihr sicher nicht zu Gute." Das Verbot sei eine "Schnellschußaktion". "Die Präventionsbemühungen hätten im Vorfeld sein müssen."

Den Lehrern der Fuldaer Bardoschule, einer Haupt- und Realschule, ist die Lust auf eine Zigarette vor dem Schulgelände schnell vergangen. "Die Kollegen fanden das Rauchen auf der Straße so peinlich, daß sie es gelassen haben", berichtet Leiter Wolfgang Arnold.

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