Forschung und Praxis, 19.12.2005

Was Raucher leichter vom Glimmstengel abbringen könnte

Erste Ergebnisse aus Phase-III-Studien mit dem neuen Wirkstoff Vareniclin

Guter Wille allein reicht oft nicht aus, zum Verzicht motivierte Raucher dauerhaft vom Glimmstengel abzubringen. Der Wirkstoff Vareniclin, der sich noch im Stadium der klinischen Erforschung befindet, könnte möglicherweise künftig bei der Raucherentwöhnung von Nutzen sein. Erste Ergebnisse von Phase-III-Studie liefern nun Anhaltspunkte dafür, welche Erfolge dabei von dieser Substanz erwartet werden dürfen.

Rauchen ist riskant: Regelmäßiger Tabakkonsum schädigt Herz, Gefäße und Atemwege. Ein guter Grund, damit aufzuhören. Foto: AOK

Peter Overbeck

Vareniclin ist ein partieller Rezeptoragonist, der am Nikotin-Acetylcholin-Rezeptor im Gehirn andockt und so die Bindung von Nikotin verhindert. Die Wirkung ist eine doppelte: Als Agonist vermindert Vareniclin die typischen Entzugserscheinungen bei Entwöhnung; als Antagonist schwächt die Substanz die als angenehm empfundenen Nikotin-Effekte (Belohnungseffekte) ab.

Ergebnisse eines vom Unternehmen Pfizer initiierten Forschungsprojekts mit Vareniclin hat in Dallas Dr. Serena Tonstad aus Oslo vorgestellt. In zwei identisch angelegten Studien ist Vareniclin (1 mg zweimal täglich) bei jeweils mehr als 1000 zur Entwöhnung motivierten Langzeit-Rauchern - sie frönten im Schnitt seit etwa 25 Jahren dem Nikotinkonsum - mit Bupropion und Placebo verglichen worden. Bupropion ist als erstes Medikament, das kein Nikotin enthält, in Deutschland seit einigen Jahren für die Raucherentwöhnung zugelassen.

Primäres Wirksamkeitskriterium war der - per Kohlenmonoxid-Messung regelmäßig überprüfte - absolute Verzicht aufs Rauchen in den letzten vier Wochen eines insgesamt zwölfwöchigen Behandlungszyklus. Daran schloß sich eine 40wöchige Beobachtungsperiode ohne Behandlung an.

Von den mit Vareniclin behandelten Rauchern gelang es in beiden Studien jeweils 44 Prozent, die entscheidenden vier Wochen ohne Griff zur Zigarette zu überstehen. Bei Behandlung mit Bupropion lag der Anteil der Teilnehmer, die in dieser Phase nicht rückfällig wurden, bei jeweils 30 Prozent. Mit Placebo waren dagegen nur knapp 18 Prozent bei der Abkehr von ihrer Nikotinsucht erfolgreich.

Sekundärer Endpunkt war der zum Zeitpunkt nach 52 Wochen ermittelte Anteil an dauerhaft abstinenten Rauchern. Die entsprechenden Raten betrugen in den beiden Studien für Vareniclin 22,1 und 23 Prozent, für Bupropion 16,4 und 15 Prozent sowie für Placebo 8,4 und 10 Prozent.

In einer dritten Studie haben zunächst alle 1236 beteiligten Raucher eine zwölfwöchige Behandlung mit Vareniclin erhalten. Alle Teilnehmer, die am Ende dieser Phase nicht mehr rauchten, sind dann zwei Gruppen zugeteilt worden. Die einen wurden in einem zweiten Zyklus erneut zwölf Wochen lang mit Vareniclin behandelt, die anderen mit Placebo.

Dauerhafte Abstinenz bewiesen nach 52 Wochen 44,0 Prozent aller Raucher, die zweimal 12 Wochen lang Vareniclin erhalten hatten. In der Gruppe der Raucher, die zunächst mit Vareniclin und im zweiten Zyklus mit Placebo behandelt worden waren, lag die Quote bei 37,1 Prozent.

FAZIT

Auch diese Daten belegen einmal mehr, wie schwer es ist, selbst abstinenzwillige Raucher nach jahrzehntelangem Zigarettenkonsum von ihrem Laster abzubringen. Berauschend hoch ist die Erfolgsquote auch mit Vareniclin nicht. Aber ein deutlicher Fortschritt im Vergleich zu herkömmlichen Optionen für die Raucherentwöhnung könnte damit erreichbar sein.

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