Ärzte Zeitung, 11.07.2006

Wer Heroin als Medikament produziert, bleibt geheim

Lagerung und Transport unter hohen Sicherheitsvorkehrungen / Bislang gibt es nur einen Anbieter / Daten aus Tierversuchen gibt es nicht

KÖLN (nsi). Wenn in Deutschland die rechtliche Grundlage für eine heroingestützte Therapie Schwerstabhängiger gelegt würde, wäre es sinnvoll, die Zahl der Therapieplätze aus logistischen Gründen zunächst einmal zu begrenzen, auf 1000 bis 2000 Opiatsüchtige zum Beispiel.

Bei einem durchschnittlichen Bedarf von 400 bis 500 Milligramm Heroin am Tag, der in Studien ermittelt wurde, würden bei 1000 Therapieplätzen zwischen 2,8 und 3,5 Kilogramm hochreinen Heroins pro Woche benötigt. Woher sollen sie kommen, wie werden sie transportiert und wie gelagert?

Hersteller berät sich mit dem Bundeskriminalamt

"Das Heroin sollte sicher nicht über Apotheken vergeben werden", hat Privatdozent Christian Haasen vom Zentrum für Interdisziplinäre Suchtforschung in Hamburg im Gespräch mit der "Ärzte Zeitung" gesagt. "Damit hat man in Großbritannien keine guten Erfahrungen gemacht. Es wäre sinnvoll, die Substanz direkt an die Drogenambulanzen zu liefern, wo sie sich die Patienten unter Aufsicht und unter hygienischen Bedingungen injizieren, so, wie es auch in der Heroinstudie gemacht wurde."

Foto: dpa

Schon in Vorbereitung auf die Heroin-Studie in Deutschland habe sich das Unternehmen, das das Heroin (Diacetylmorphin) liefert, mit dem Bundesnachrichtendienst und dem Bundeskriminalamt beraten, wie Transport und Lagerung sicher gewährleistet werden können, so ein Sprecher des Unternehmens zur "Ärzte Zeitung".

Den Namen des Unternehmen und dessen Sitz möchte er nicht veröffentlicht sehen: "Wir fürchten, sowohl von Drogenabhängigen, aber auch von Gegnern der heroingestützten Therapie belagert zu werden." Das Diacetylmorphin wird von einem Kooperationspartner des Unternehmens in einem anderen Land aus Roh-Opium hergestellt.

Das Unternehmen hätte für den Vertrieb in Deutschland ein Monopol, denn andere Anbieter gibt es bislang nicht. Weckt das nicht Befürchtungen bei den Krankenkassen, daß hohe Kosten entstünden, wenn es Heroin auf Rezept gäbe? "Wir haben den Behörden unsere Kosten für die Zulassung, die Herstellung und den Vertrieb der Substanz offengelegt und darauf basierend über einen Preis gesprochen, der sehr fair ist", so der Mitarbeiter des Unternehmens.

Auch das Procedere für die Zulassung für das Diacetylmorphin-Präparat ist anders, als das normalerweise bei einem Medikament der Fall ist. Aussagekräftige präklinische Studien mit Labortieren seien für diese Anwendung wegen Unverträglichkeit nicht möglich, so der Firmensprecher. Das Unternehmen habe sich im Zulassungsantrag auf eine literaturbasierte Bewertung und auf die Daten klinischer Untersuchungen mit Morphin als Schmerzmittel gestützt.

Weitere Kurzinfos zu Heroin unter www.klinik.uni-frankfurt.de/zpharm/klin/texte/kursskripte/DrogenUndSucht.pdf

Lesen Sie dazu auch:
Heroin bei Sucht auf Rezept - Kapitulation oder Hilfe?

STICHWORT

Diacetylmorphin

Heroin (Diacetylmorphin) ist ein Prodrug, das enzymatisch in Monoacetylmorphin und weiter in Morphin gespalten wird. Heroin ist im Vergleich zu Morphin deutlich lipophiler und verteilt sich anders im Körper: Bei intravenöser Injektion kommen von Morphin nur 20 bis 30 Prozent der Substanz im Gehirn an. Dagegen gelangen fast 100 Prozent des intravenös gespritzten Heroins ins Zentralnervensystem und erreichen rasch hohe Konzentrationen. Morphin bindet vor allem an die µ-Opioidrezeptoren, die acetylierten Formen aktivieren zusätzlich andere Rezeptorsubtypen. So erklären sich die Forscher die Unterschiede in der Wirkung von Morphin und Heroin nicht nur durch die unterschiedliche Pharmakokinetik der Substanzen, sondern auch durch verschiedenartige Wechselwirkungen mit den Rezeptoren.

STICHWORT

Heroin-Studie

1015 Schwerstabhängige aus Hamburg, Köln, Bonn, Frankfurt am Main, Karlsruhe und München sind in die Methadon- (n=500) oder die Heroin-Gruppe (n=515) randomisiert aufgenommen worden. Sie mußten mindestens 23 Jahre alt und seit wenigstens fünf Jahren opiatabhängig sein. Einschlußkriterien waren auch schlechte körperliche und mentale Verfassung sowie vergebliche oder abgebrochene Versuche mit anderen Therapien. Die Teilnehmer waren zu Beginn im Durchschnitt 36 Jahre alt und hatten im Mittel mit etwa 20 Jahren begonnen, Heroin zu nehmen. 80 Prozent der Teilnehmer sind männlich. Heroin und Methadon wurden individuell dosiert (maximal ein Gramm Heroin pro Tag) und bis zu dreimal täglich angeboten. Die Teilnehmer konnten die Studie jederzeit abbrechen, Teilnehmer der Methadongruppe nach einem Jahr in die Heroingruppe wechseln. Allen wurde psychosoziale Unterstützung angeboten.

Umfangreiche Infos zur Studie unter www.heroinstudie.de 

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