Ärzte Zeitung, 30.01.2007

HINTERGRUND

Angst bis Adipositas: Weisen Endocannabinoide den Weg zu Therapien?

Von Susanne Donner

Wieder einmal kann sich der junge Mann an nichts erinnern. Hat er auf der Party ausgelassen gefeiert oder sich zwischendurch gelangweilt? Worüber hat er sich unterhalten? Bei diesen Fragen lässt ihn sein Kurzzeitgedächtnis kläglich im Stich: Ein paar Joints haben sein Gehirn vernebelt. Kein Einzelfall, sondern eine normale Wirkung nach dem Konsum von Cannabis.

Der Wirkstoff Tetrahydrocannabinol (THC) trübt das Erinnerungsvermögen. Wie und warum die Droge Vergangenes verblassen lässt, diesem Rätsel sind Forscher um Professor Beat Lutz vom Institut für Physiologische Chemie und Pathobiochemie der Universität Mainz auf der Spur.

Dabei entdeckte Lutz Erstaunliches: THC kann das Gedächtnis stören, weil auf bestimmten Neuronen, die für das Gedächtnis wichig sind, Rezeptoren für THC sitzen. Diese Cannabinoid-Rezeptoren sind natürlich nicht für den Cannabis-Wirkstoff THC gedacht, sondern für ähnliche Substanzen, die der Körper selbst produziert, so genannte Endocannabinoide.

Cannabinoid-Rezeptoren sind Angriffstellen für Medikamente

Inzwischen haben Forscher viel über diese körpereigenen Cannabinoide herausgefunden: So finden sich Rezeptoren für die Substanzen auf Immunzellen, in der Leber und im Fettgewebe. Bei Stress bildet das Gehirn die Endocannabinoide ebenso wie bei Reizüberflutung. Die Substanzen können den Schmerz lindern, die Erinnerung verwässern, bei Hektik beruhigen und den Appetit fördern.

Pharmakologen machen sich das System bereits zu Nutze: Mit Rimonabant (Acomplia®) gibt es seit vergangenem Jahr ein Medikament, das in das Endocannabinoid-System eingreift: Es blockiert selektiv den Cannabinoid-1-Rezeptor, der im ZNS und in peripheren Geweben einschließlich Adipozyten vorkommt. Übergewichtigen Patienten hilft das Medikament so beim Abnehmen.

Lutz glaubt, dass ihm die Endocannabinoide den Weg zu weiteren neuen Therapien weisen, etwa gegen Epilepsie. So haben etwa ein Drittel der Betroffenen trotz Therapie mit moderenen Antiepileptika immer noch Anfälle. Während eines Anfalls feuern die Nervenzellen des Gehirns eine endlose Salve an Signalen ab.

Dieses Neuronengewitter kann sich vermutlich nur dann zusammenbrauen, wenn es an Endocannabnoiden mangelt oder wenn zu wenige Rezeptoren dafür im Gehirn vorhanden sind. Dass ein Mangel an Cannabinoid-Rezeptoren zu Epilepsie führen kann, demonstrierte Lutz bereits bei Mäusen. Fehlen den Tieren die Bindungsstellen in einem bestimmten Teil des Gehirns, dem Hippocampus, so entwickeln die Nager die typischen Krampfanfälle.

Das Endocannabinoid-System ist bei Epilepsie-Kranken offenbar in Schieflage geraten. Ihnen könnten Medikamente helfen, die den Abbau der Cannabinoide hemmen, hoffen die Forscher. In Tierversuchen konnten sie mit den experimentellen Substanzen UCM-707 und ODM-2 den der Abbau der körpereigenen Cannabinoide um einen halben Tag hinauszögern, berichtet Lutz. "In den Versuchen funktioniert das recht gut. Aber für die Patienten ist das Prinzip noch Zukunftsmusik."

Die große Kunst bestehe darin, den Abbau der Endocannabinoide nur in der Hirnregion zu bremsen, in der sich gerade ein Neuronengewitter entlädt. "Wenn die Substanz unspezifisch überall im Körper bindet, dann wird vielleicht das Essverhalten verändert oder das Gedächtnis beeinträchtigt. Es treten dann viele unerwünschte Effekte auf", sagt Dr. Carsten Wotjak vom Max-Planck-Institut für Psychiatrie in München.

Vielleicht lassen sich durch einen präzisen Eingriff in den Endocannabinoid-Haushalt auch Angststörungen lindern. So machen Abbauhemmer von Endocannabinoiden ängstliche Ratten unbeschwerter, beobachtete Wotjak. Vor der Therapie schrien sieben Tage alte Jungtiere unentwegt nach ihrer Mutter, sobald diese sich entfernte. Dagegen nahmen sie mit den Abbauhemmern deren Abwesenheit mit weniger Geschrei hin.

Doch auch hier gilt: Die Medikamente sollen nur in den Hirnarealen wirken, die bei Angst aktiv sind. Wotjak schwebt deshalb eine begleitende Therapie vor: Zum Beispiel könnten einem Spinnenphobiker die furchteinflößenden Tiere vorgesetzt und gleichzeitig Abbauhemmer gegeben werden. Posttraumatische Erlebnisse etwa bei Soldaten nach einem Kriegseinsatz könnten durch die Konfrontation mit dem Schreckensereignis gemeinsam mit den neuen Arzneien behandelt werden. (ddp)

STICHWORT

Cannabinoide

Die Cannabis-Pflanze enthält über 70 Cannabinoide. Einige der Substanzen wie Tetrahydrocannabinol (THC) wirken psychotrop. Cannabis werden zudem schmerzstillende und appetitanregende Wirkungen zugeschrieben aber auch Desorientierung und Herzrasen. Cannabinoide werden zur Zeit intensiv erforscht. Die Substanzen greifen am Endocannabinoid-System im Hirn an. Zwei Cannabinoid-Rezeptoren (CB1-R und CB2-R) sind beschrieben. CB1-R wird vorwiegend in Hirnregionen gefunden, die wichtig für Gedächtnis (Hippokampus, Kleinhirn) und Bewegungsregulation (Basalganglien und Kleinhirn) sind. CB2-R ist offenbar an der Modulation des Immunsystems beteiligt. (eb)

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text
Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Langes Arbeiten kann tödlich sein

Eine lange Wochenarbeitszeit erhöht das Risiko für Herzerkrankungen und Krebs. Forscher konnten die Stundenzahl sogar exakt angeben, ab der sich das Risiko stark erhöht. mehr »

Ausschuss reißt Frist des Gesetzgebers

Das neue Qualitätsmaß für Pflegeheime gerät in Verzug. Eine Studie bietet eine Alternative an. mehr »

Jeder dritte Demenz-Fall vermeidbar

Finge die Demenz-Prävention bereits in der Kindheit an, könne die Krankheit bei einem Drittel aller Erwachsenen verhindert werden – so eine Studie. mehr »