Ärzte Zeitung, 26.04.2007

Arzneimittelsucht - wird das Ausmaß maßlos überschätzt?

Der Heidelberger Pharmakologe Schwabe rechnet mit maximal 700 000 Abhängigen

BERLIN (gvg). Mit mindestens 1,4 Millionen Menschen wird in Deutschland die Zahl derjenigen angegeben, die süchtig nach Arzneimitteln seien. Doch nicht alle Experten halten diese Zahl für zutreffend. Möglicherweise liegt sie viel zu hoch.

Auf einer Fachtagung zur Medikamentenabhängigkeit, die gemeinsam vom BKK Bundesverband, von der Kassenärztlichen Bundesvereinigung und von der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen veranstaltet wurde, äußerte Professor Ulrich Schwabe vom Pharmakologischen Institut der Universität Heidelberg starke Zweifel an den offiziellen Schätzungen. Er hat eigene Berechnungen angestellt, denen der Arzneiverordnungsreport 2006 zu Grunde liegt.

Danach wurden zum Beispiel bei den Benzodiazepinen im Jahr 2005 in Deutschland 566 Millionen Tagesdosen verordnet. "Daraus errechnen sich maximal 1,55 Millionen Menschen, die diese Präparate täglich einnehmen", so Schwabe in Berlin.

Der Anteil der Benzodiazepin-Abhängigen unter den regelmäßigen Konsumenten wird in internationalen Studien meist mit etwa einem Drittel angegeben. Das würde heißen, dass maximal eine gute halbe Million Menschen abhängig wären.

Für Opiate ergibt sich ein ähnliches Bild. In Deutschland werden maximal 816 000 Patienten täglich zu Lasten der GKV mit Opiaten behandelt, die der WHO-Betäubungsmitteldefinition unterliegen. Rund ein Drittel davon seien Tumorschmerzpatienten, so Schwabe. Der Rest erhält Opiate bei anderen Indikationen, und von diesen sei wiederum bei einem knappen Drittel, also in Deutschland bei etwas über 200 000 Patienten, von einer Abhängigkeit auszugehen.

Das seien nur grobe Schätzungen. Unklar sei, wie viele Patienten mit Arzneimittelsucht ihr Suchtmittel auf Privatrezept beziehen. Auch sei das Ausmaß illegalen Bezugs über das Internet schwer abschätzbar.

Auf der anderen Seite ist Schwabe bei seinen Berechnungen von der unrealistischen Maximalannahme ausgegangen, dass alle in Deutschland verordneten Suchtmittel an Patienten gehen, die diese dauerhaft einnehmen. Tatsächlich dürfte die Zahl derer, die regelmäßig Benzodiazepine oder Opiate konsumieren - und damit potenziell süchtig sein könnten - deutlich niedriger liegen, wenn all jene abgezogen werden, die nur zeitweise die entsprechenden Präparate verschrieben bekommen. Schwabe: "Alles in allem liegt die Zahl der Arzneimittelabhängigen vermutlich niedriger als angenommen." Nicht 1,4 Millionen, sondern maximal 700 000.

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