Ärzte Zeitung, 30.11.2009

Jeder Tropfen Alkohol gefährdet Ungeborene

Jährlich werden schätzungsweise 10 000 Kinder mit Fetalen Alkoholspektrum-Störungen geboren. Den meisten der Betroffenen sieht man die Schädigung nicht an. Sie haben aber geistige Defizite oder psychische Auffälligkeiten. Sozialarbeiter und Psychologen können helfen.

Von Daniela Noack

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Kind mit Fetalem Alkoholsyndrom und typischen fazialen Stigmata: schmale Oberlippe, kleine Lidspalten.

Foto: FAS-Ambulanz der Universitätsklinik Münster

BERLIN. Eine Mindestmenge, ab der Alkohol in der Schwangerschaft kein Risiko für das ungeborene Kind bedeutet, gibt es nicht. Darüber waren sich die Experten beim 1. Internationalen Symposium zu Fetalen Alkoholspektrum-Störungen (FASD) in Berlin einig.

FASD umfasst körperliche und neurologische Entwicklungsstörungen, zum Beispiel Wachstums- und Verhaltensstörungen, Missbildungen und intellektuelle Beeinträchtigungen bis hin zur geistigen Behinderung. Nach Schätzungen des Bundesgesundheitsministeriums werden jährlich 10 000 Kinder mit FASD geboren. Die Dunkelziffer ist hoch, denn den meisten sieht man die Schädigung nicht an. Trotzdem haben sie geistige Defizite oder psychische Auffälligkeiten. Das Fetale Alkoholsyndrom (FAS), auch Alkoholembryopathie, ist die schwerste Form. In Deutschland kommen jährlich 4000 Kinder mit FAS zur Welt.

Mit Magnet-Resonanz-Tomografie (MRT) und Diffusions-Tensor-Bildgebung (DT-MRI) hat Professor Edward Riley von der Universität San Diego belegt: Bei FASD ist die graue Hirnsubstanz vergrößert und die weiße verringert, bestimmte Bereiche des Großhirns, des Kleinhirns, des Frontallappens und der Basalganglien sind verkleinert, zudem bestehen Anomalien der Ventrikel und des Corpus Callosum.

"Manchmal weichen die alkoholgeschädigten Gehirne so von der Norm ab, dass sogar der Computer streikt", berichtete Riley. Geschädigte Gehirne müssen für die gleichen Aufgaben mehr Areale aktivieren als gesunde. Zwar liegt der IQ bei vielen Kindern noch im Normbereich. Bei Untersuchungen werden sie dann als normal deklariert. Dennoch haben sie wegen ihrer Verhaltensstörungen überall Probleme.

Bundesweit nur zwei Beratungsstellen für Eltern

Von Pontius zu Pilatus sei sie mit ihrem Adoptivsohn gelaufen, der als Kleinkind zu ihr kam, berichtet Gisela Michalowski, Bundesvorsitzende von FAS World, einem Interessenverband von Eltern alkoholgeschädigter Kinder. Alle waren ratlos: Erzieher, Lehrer und Ärzte. Erst als der Adoptivsohn 19 war, kam die Diagnose: Fetales Alkoholsyndrom.

"Ärzte wissen noch nicht genug über das Krankheitsbild", sagte Dr. Reinhold Feldmann von der FAS-Ambulanz im Universitätsklinikum Münster, einer von bundesweit nur zwei Beratungsstellen für Eltern alkoholgeschädigter Kinder. "Sie sind sehr unruhig und brauchen ständige Aufmerksamkeit. Manche sind aggressiv, andere übertrieben zutraulich. Spätestens, wenn sie in die Schule kommen, fällt auf, dass sie anders sind. Sie lernen keine Regeln, sind vergesslich und können sich nicht konzentrieren."

Noch scheuten sich viele Ärzte, Schwangere auf Alkoholkonsum anzusprechen. Aber mit jedem Tropfen steigt die Wahrscheinlichkeit, dass das Kind mit einer alkoholbedingten Behinderung zur Welt kommt. Der Kinder- und Jugendpsychiater Professor Hans-Christoph Steinhausen sieht einen klinischen und einen ursächlichen Zusammenhang zwischen FASD und ADHS: Einerseits hätten 64 Prozent der Kinder mit FAS im Grundschulalter auch eine Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung. Andererseits tritt ADHS nur bei jenen alkoholgeschädigten Kindern auf, die auch Veränderungen am Dopamintransporter-Gen (DAT) haben. Offenbar wirkt sich die Alkoholexposition auf dieses Gen aus.

Damit FASD nicht zum Modebegriff für diverse Verhaltensstörungen wird, hat Professor Susan Astley mit dem 4-Digit Diagnostic Code Richtlinien für die Diagnose entwickelt. Denn es ist wichtig, die Kinder früh zu erkennen und zu fördern. "Menschen mit FASD brauchen Sozialarbeiter und Psychologen wie ein externes Gehirn. Ohne solche Hilfen sind ihre Zukunftsaussichten düster", sagte Professor Therese Grant, Leiterin der Fetal Alcohol Drug Unit von der Universität Washington. In den USA brechen 61 Prozent der Kinder die Schule ab, jedes Zweite gerät mit dem Gesetz in Konflikt - weniger aus krimineller Energie, eher aus Naivität und der Unfähigkeit, Gut und Böse zu unterscheiden. Ein Drittel wird selbst alkohol- oder drogenabhängig, ein Fünftel der Frauen mit FASD bekommt ebenfalls alkoholgeschädigte Kinder.

Große Suizidgefahr bei unauffälliger Behinderung

Menschen mit FASD sind zudem suizidgefährdet. Zu groß ist der Leidensdruck, besonders, wenn man ihnen ihre Behinderung nicht ansieht. Die Umgebung reagiert dann mit besonders viel Unverständnis. Der durchschnittliche Intelligenz-Quotient bei FASD beträgt etwa 85, bei FAS 70. Vereinzelt kann er aber weit darüber liegen, wie bei dem Adoptivsohn von Gisela Michalowski, der heute 24 Jahre alt ist. Er hat, anders als die meisten FAS-Kinder, nicht die Sonderschule besucht, sondern besitzt die Fachhochschulreife. "Mit dem Alltag kommt er allerdings gar nicht klar", berichtet die Adoptivmutter. "Alles ist ein Problem: Kleidung wechseln, duschen, die Wohnung in Ordnung halten. Auch mit Geld kann er nicht umgehen." Deshalb lebt er auch wieder zu Hause - ebenso wie 90 Prozent seiner Leidensgenossen. Sie können als Erwachsene kein selbstständiges Leben führen.

Berlin: Beratungsstelle für alkoholgeschädigte Kinder, Tel. 030/335 80 31, www.fasd-beratung.de; Münster: Universitätsambulanz, Sozialpädiatrisches Zentrum im Uniklinikum, Tel. 0251/83 4 85 18, www.fetales-alkoholsyndrom.de; weitere Infos: www.fasworld.de; www.faskinder.de; www.nacoa.de; www.dhs.de

Fetale Alkoholspektrum-Störungen

Alkohol ist eine teratogene Substanz. Auch maßvolles Trinken während der Schwangerschaft kann das Kind dauerhaft schädigen. Dabei ist das Krankheitsbild bei Fetalen Alkoholspektrum-Störungen nicht einheitlich. Die Störungen können zusammen oder einzeln auftreten: Mikrozephalie, ZNS-Dysfunktion, Verhaltensauffälligkeiten, motorische Störungen, verminderte Intelligenz bis hin zu geistiger Behinderung, Gesichts-Dysmorphien wie verengte Lidspalten, schmales Oberlippenrot, verstrichenes Philtrum sowie Fehlbildungen an Augen und Ohren. Weitere Risiken: Wachstumsstörungen, organische Schäden und Skelettfehlbildungen. (dno)

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