Ärzte Zeitung, 21.10.2009

"Liquid-Ecstasy" wird immer beliebter - das spüren auch die psychiatrischen Kliniken

Die Partydroge Gammahydroxybuttersäure (GHB) erobert die Partyszene - und GHB-Konsumenten erobern die Psychiatrie. So ist teilweise schon öfter ein Entzug auf GHB als auf Kokain nötig.

Von Nicola Siegmund-Schultze

zur Großdarstellung klicken

In der Technoszene hat sich GHB schon etabliert.

Foto: DWP@www.fotolia.de

Lange Zeit waren Gammahydroxybuttersäure (GHB) und seine Vorstufe, Gammabutyrolacton (GBL) vor allem als Partydroge bekannt oder als K.O.-Mittel, mit dem sich das Bewusstsein von Menschen eintrüben lässt, um sie zu berauben oder zu vergewaltigen. Jetzt belegen erste deutsche epidemiologische Daten, dass GHB - auch bekannt unter dem Szene-Namen "Liquid Ecstasy" - bundesweit als Rausch- oder Suchtmittel verbreitet ist.

Von bundesweit 88 psychiatrischen Klinken oder Fachabteilungen haben drei Viertel in den vergangenen zwölf Monaten Patienten mit GHB-Gebrauch in der Anamnese gesehen, und mehr als die Hälfte der suchtpsychiatrischen Kliniken (56 Prozent) haben Entzugsbehandlungen wegen dieser Substanzen gemacht. Die Daten stellten Dr. Michael Rath vom Zentrum für Psychiatrie in Bad Schussenried und Dr. Markus Leibfarth vom Zentrum für Psychiatrie in Weissenau beim 2. Deutschen Suchtkongress in Köln vor.

"Die Häufigkeit und auch die regionale Verteilung haben uns überrascht", sagte Rath zur "Ärzte Zeitung". Es gebe eine Häufung in Süddeutschland. So hatten alle Kliniken aus Baden-Württemberg, zwei Berliner Kliniken, sechs von sieben aus Niedersachsen, 16 der 17 bayerischen Kliniken und sieben der acht kinder- und jugendpsychiatrischen Einrichtungen Patienten mit GHB-Abusus in der Anamnese. "In den entsprechenden Kliniken und Fachabteilungen haben innerhalb eines Jahres mehr Patienten wegen GHB einen Entzug gemacht als wegen Kokain oder Benzodiazepinen", berichtete Rath. Und diese Zahlen machten noch keine Aussage über Notarztversorgungen oder Therapien in Notaufnahmen.

Auch Jeanette Piram, Leiterin der Drogenhilfe Freiburg, sieht eine neue Ära der Substanzabhängigkeit auf Deutschland zukommen und damit dringenden Bedarf für spezifische Präventions-, Beratungs- und Therapieangebote. Außer älteren, erfahrenen Partykonsumenten, ist es hauptsächlich die neue Techno-Szene, die GHB- oder GBL konsumiert, so Piram. Die meisten, die die Drogenhilfe Freiburg aufsuchten, seien zwischen 19 und 27 Jahre alt, berufstätig, gepflegt, monetär unverschuldet und hätten eine eher depressive Grundstimmung.

"Angst, Depressionen und Schlafstörungen machen den Leidensdruck aus und das Gefühl, die soziale und berufliche Position nicht mehr lange halten zu können.", berichtete Piram. "Manche GHB-Nutzer schlafen regelmäßig nur wenige Stunden pro Nacht, weil sie im Abstand von 30 Minuten nachtrinken müssen."

Bis vor wenigen Jahren ist GHB in Drogenlabors mithilfe von Natronlauge aus GBL hergestellt worden, einer weit verbreiteten Industriechemikalie. "Inzwischen aber ist in der Szene bekannt, dass der Körper GBL zu GHB verstoffwechselt", berichtete Professor Peter Iten vom Institut für Rechtsmedizin der Universität Zürich. "Der Körper macht also die Umwandlung von GBL zu GHB gratis." Der Zugang zu GBL sei schwierig zu kontrollieren, meist werde über das Internet bestellt.

Ebenfalls schwierig ist der Entzug. "International hat sich zwar eine gestufte Dosisreduktion mit Benzodiazepinen bewährt", sagte Leibfarth. Dies bringe aber oft nicht den gewünschten Erfolg. Protrahierte Entzugssymptome mit Übelkeit, Erbrechen und Krämpfen, die man mit Neuroleptika versuchen könne zu verhindern, seien keine Seltenheit. "Manche Patienten haben es nach einigen Tagen mit psychovegetativen Störungen überstanden, manche sind eine Woche lang im Delir", sagte der Suchttherapeut zur "Ärzte Zeitung". "Wir haben noch keinen Standard für die Behandlung."

Gammahydroxybuttersäure (GHB)

GHB ist strukturell eng verwandt mit dem Neurotransmitter Gamma-Aminobuttersäure (GABA). In niedriger Dosis (1 bis 2 g) wirkt es euphorisierend, leicht berauschend, verstärkt die Sinneseindrücke und das Kontaktbedürfnis, in höherer Dosierung (2 bis 3 g) wirkt es sedativ-hypnotisch, kann Erbrechen und Übelkeit, Sehstörungen, Herzrhythmusprobleme und Krämpfe auslösen, und in einer Dosierung von 3 bis 4 g tritt in 10 bis 40 Minuten Bewusstlosigkeit ein. Medizinisch werden GHB und Derivate als Narkotika und zur Narkolepsie-Therapie verwendet. (nsi/mut)

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Körperlich aktive Kinder werden seltener depressiv

Bewegen sich Kinder viel, entwickeln sie in den kommenden Jahren seltener depressive Symptome. Viel körperliche Aktivität könnte daher präventiv wirken. mehr »

Generelle Landarztquote ist vom Tisch

Der Masterplan Medizinstudium 2020 ist in trockenen Tüchern. Länder können, müssen aber keine Zulassungsquote für Landärzte in spe festlegen. mehr »

Star Trek und die Ethik der Medizin

Ärztliche Fortbildung sind immer dröge Veranstaltungen? Eine Veranstaltung in Frankfurt ist der medizinethischen Wertewelt von Raumschiff Enterprise auf den Grund gegangen - und zeigt, was Ärzte aus der Serie lernen können. mehr »