Ärzte Zeitung, 01.12.2010

Hintergrund

Was tun, wenn Mama mich betrunken von der Schule abholt? - Projekte stützen Risikokinder

Wenn Eltern Suchtprobleme haben, ist das Risiko hoch, dass auch ihre Kinder von Alkohol oder Drogen abhängig werden. Zwei neue Projekte wollen gezielt Kinder aus solchen Familien vor einer Suchtkarriere bewahren.

Von Philipp Grätzel von Grätz

Eltern mit Alkoholproblemen übertragen das Risiko auf Kinder

Kinder Suchtkranker haben ein erhöhtes Risiko für Süchte.

© Stephan Krems / epd

In Deutschland gibt es knapp drei Millionen Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren, die zeitweilig oder dauerhaft in Familien leben, in denen zumindest ein Elternteil abhängig von Alkohol oder anderen Drogen ist, sagte Diana Moesgen vom Deutschen Institut für Sucht- und Präventionsforschung in Köln. "Diese Kinder sind die größte Risikogruppe für Suchtkrankheiten und andere psychische Störungen", hat die Expertin beim DGPPN-Kongress in Berlin betont.

Es laufen in Deutschland derzeit mehrere Projekte, die sich speziell mit suchtgefährdeten Kindern beschäftigen. Eines der größten ist das Trampolin-Projekt, an dem 34 suchtmedizinische Einrichtungen in ganz Deutschland teilnehmen. Bei dem Projekt geht es um die Entwicklung eines modularen Gruppenangebots für acht- bis zwölfjährige Kinder aus Familien, in denen ein Elternteil eine Suchterkrankung hat. Das Konzept wird derzeit in einer randomisiert-kontrollierten Studie auf seine Wirksamkeit hin überprüft.

"Es gibt bei dem Projekt insgesamt neun Kindertreffen und zwei Elterntreffen", erläuterte Moesgen. In den Kindertreffen geht es einerseits darum, auf kindgerechte Art und Weise Wissen über das Thema Sucht zu vermitteln. So müssen die Kinder beispielsweise auf einer "Tankstellenkarte" aufmalen oder aufschreiben, was sie machen, damit es ihnen gut geht. Das sind die persönlichen "Tankstellen" des Kindes. Den Kindern wird dann erläutert, dass es Menschen gibt, die nicht so viele Tankstellen haben und die deswegen zur Flasche greifen.

Außer dem Wissen um die Sucht stehen praktische Übungen im Vordergrund, in denen Lösungskonzepte für Problemsituationen erarbeitet werden, etwa: Was tun, wenn meine Mama mich betrunken von der Schule abholt? Die Kinder fertigen dabei "Problemlösehände" aus Pappe an, die dabei helfen sollen, sich die "Lösungswege" zu merken: Jeder Finger ist ein Schritt auf dem Weg zur Lösung des spezifischen Problems. Weitere Übungseinheiten beschäftigen sich mit dem Erlernen eines positiven Selbstwertkonzepts, mit emotionalen Problemen und mit der Frage, wo externe Hilfe zu finden ist, wenn sie nötig wird.

"Die Feldphase des Trampolin-Projekts läuft gerade und endet im Sommer 2011", so Moesgen. Verglichen wird das suchtspezifische Konzept dabei in einem randomisiert-kontrollierten Studiendesign mit einem unspezifischen spielpädagogischen Programm namens Hüpfburg und mit einer naturalistischen Beobachtungsgruppe ohne spezielle Intervention. "Die These ist: Trampolin ist besser als Hüpfburg und Hüpfburg besser als nichts", so Moesgen.

Etwas stärker auf die gesamte Familie ausgerichtet ist das "Strengthening Families"-Programm des Deutschen Zentrums für Suchtfragen des Kindes- und Jugendalters (DZSKJ) in Hamburg. Es richtet sich an Familien in sozialen Brennpunkten, also nicht explizit an Familien mit Suchtproblematik. "Das Programm wurde einem gut evaluierten US-amerikanischen Vorbild nachempfunden", erläuterte Dr. Martin Stolle vom DZSKJ. Eine wichtige Komponente sind Videosequenzen, in denen Modellfamilien konstruktive Kommunikationsmuster "vorführen", die dann von den Teilnehmern in Rollenspielen nachempfunden werden.

Zumindest in den USA war dieser Ansatz eindrucksvoll erfolgreich: "Die Rate der Kinder, die später zu Cannabis greifen, war in den Familien halb so hoch wie in Vergleichsgruppen. Und auch die Zahl derer, die zum Alkohol greifen, ist deutlich geringer als bei Interventionen, die nur bei den Eltern ansetzen", so Stolle. Für die deutschen Verhältnisse wurde das Programm adaptiert, und natürlich mussten auch die Videos neu gedreht werden. Die Feldphase läuft seit diesem Jahr. Bisher sind 120 Familien dabei. Rund doppelt so viele sollen es werden.

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