Ärzte Zeitung, 14.04.2011

Sucht nach Bräune: ein neues Krankheitsbild?

Beim Kongress der Hautärzte stellte Professor Wolfgang Harth aus Berlin ein komplexes psychodermatologisches Krankheitsbild vor: die Tanorexie.

Sucht nach Bräune: ein neues Krankheitsbild?

Ein Jugendlicher unter der Sonnenbank.

© felix jason / imago

DRESDEN (sir). Sie ist (noch) kein eigener Befund im Rahmen des DSM-IV (Diagnostisches und Statistisches Manual Psychischer Störungen), sondern eine Laiendiagnose: die sogenannte Tanorexie. Der Name leitet sich von der Anorexia nervosa und vom englischen "to tan" - also sich bräunen - ab.

Harth schätzte großzügig: "Jeder fünfte Deutsche besucht regelmäßig Solarien, und jeder fünfte davon tut dies allzu exzessiv." Von Tanorexie Betroffene beschäftigen sich dauernd mit ihrem eigenen Körper, finden sich jedoch nicht "zu dick", sondern "zu blass". Das ganze Jahr über möchten sie braungebrannt und erholt erscheinen.

Noch sei unklar, ob die Tanorexie eher den Zwangs-, Sucht- oder körperdysmorphen Störungen zuzuordnen ist, so Harth: "Sie tritt ohnehin selten isoliert auf." So berichtete er von einer 40-jährigen Patientin, die zugleich unter Akne, Tanorexie und einem ausgeprägten Waschzwang litt.

Tanorexie kann Männer und Frauen jeden Alters betreffen, in manchen Ländern auch Jugendliche. Gerade bei letzteren konnte eine Assoziation zur Sucht nachgewiesen werden: Eine Studie aus dem Jahre 2006 zeigte, dass 21 Prozent der US-amerikanischen jugendlichen Nutzer von Sonnenstudios Schwierigkeiten hatten, ohne diese Besuche auszukommen.

Solariumsentzug führte bei den Studienteilnehmern zu Unruhe, Gereiztheit und Problemen in der sozialen Interaktion. Dies war umso eher der Fall bei frühem Beginn und bei hoher Frequenz der Solariumstermine.

"Tanorexie hat Langzeitfolgen", betonte Harth bei der Tagung der Deutschen Dermatologischen Gesellschaft, und warnte vor malignen Neoplasien. Therapien von Patienten mit Tanorexie seien noch nicht etabliert und auch von den Betroffenen nicht erwünscht.

Beim Kongress in Dresden kam aber unter den Teilnehmern auch die gegenteilige Tendenz zur Sprache: der starke Wunsch farbiger Mitbürger nach chemischem oder physikalischem Bleichen ihrer Haut. Dafür gibt es jedoch noch keinen offiziellen Namen.

[14.04.2011, 19:09:20]
Leopold Bergmann 
Uralt und eine wenig lächerlich
Mich wundert, dass dieser uralte Kalauer als ernsthaften Beitrag auf einem medizinischen Kongress vorgetragen wird.

Tanorexie oder Tanerexie, also Bräunungssucht oder allgemeiner: Sonnen-Sucht, hat in etwa die gleiche Bedeutungsstufe wie Schokolexie (eben erfunden). Als eine Art Wiederholungszwang bei lustbesetzten Tätigkeiten (dazu gehört definitiv das Sonnen, das Schokoladen-Essen oder Sex). Wie bei Schokolade oder Sex kann diese Lust an der besagten Tätigkeit zu positiven oder negativen gesundheitlichen Folgen führen. Wie immer: Die Dosis macht das Gift.

Nun könnte man unentwegt weiter derartige Trivia spinnen. Will hier stattdessen verweisen auf eine Studie, in der die "Erfinder" der Tanorexie selbst eine interessante Erklärugen und gleichzeitig Relativierung ihrer Wortschöpfung liefern.
http://sonnennews.de/2009/01/24/sonnen-sucht-oder-therapie-sucht-nach-sonnen-therapie/ zum Beitrag »
[14.04.2011, 11:07:05]
Renita Bublies 
Unzutreffende Bezeichnung Tanorexie
Tanorexie ist als Begriff zur Beschreibung der Bräunungssucht nicht geeignet, da es sich bei "Orexie" um eine Störung der oralen Aufnahme handelt (vgl. An-Orexie = Nicht-Essen). Eher käme hier eine Bezeichnung mit der Endung -manie in Frage, wenn es unbedingt ein Fremdwort sein soll (vgl. Kleptomanie, Pyromanie usw).
Ich finde es bedauerlich, wenn schon ein neuer Begriff eingeführt wird, dass dieser dann nicht logischen Kriterien entspricht. Tanorexie klingt griffig, wird aber der Sache nicht gerecht und dürfte im internationalen Raum zu Übersetzungsschwierigkeiten führen.  zum Beitrag »

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Resistente Keime bedrohen Fortschritte aus Jahrzehnten

Jeder vierte Todesfall durch Antibiotika-resistente Keime weltweit wird durch Tuberkulose (TB) bedingt. Um die Situation zu verbessern, reichen neue Arzneien aber nicht aus, betonen TB-Experten. mehr »

Regelmäßiges Frühstück ist offenbar gut fürs Herz

Wer regelmäßig frühstückt, beugt damit offenbar kardiovaskulären Erkrankungen vor, berichtet die American Heart Association (AHA). mehr »

Sperma-Check per Smartphone-App

Millionen von Paaren weltweit wollen ein Kind, doch es klappt nicht. Die Ursachen liegen in etwa der Hälfte der Fälle beim Mann. Ein einfacher Test könnte Männern künftig die Untersuchung ihres Spermas erleichtern. mehr »