Ärzte Zeitung, 11.01.2013

Klage eingereicht

Raucher kämpfen für Entzug auf Kassenkosten

Dr. Ulf Ratje erlebt den oft vergeblichen Kampf von Kettenrauchern gegen ihre Sucht hautnah. Der Hausarzt fordert mehr Hilfe der GKV für Nikotinabhängige. Zwei seiner Patienten ziehen jetzt vor Gericht. Ihr Ziel: Die Kassen sollen den Entzug bezahlen.

Von Dirk Schnack

Raucher kämpfen für Entzug auf Kassenkosten

Zigaretten, in Ketten gelegt: Eine Vorstellung, die sich viele süchtige Raucher wünschen.

© VRD / Fotolia

ECKERNFÖRDE. Raucher aus Schleswig-Holstein wollen gerichtlich durchsetzen, dass ihr Entzug von den gesetzlichen Krankenkassen bezahlt wird.

Bislang zahlen Krankenkassen Kurse nach Paragraf 20 SGB V - dies fällt unter Prävention und ist nach Ansicht von Hausarzt Dr. Ulf Ratje nicht für süchtige Raucher geeignet.

In Ratjes Praxis in Eckernförde kommen Patienten, die seit ihrer Jugend rauchen. Inzwischen sind sie seit Jahrzehnten Kettenraucher, haben mehrere gescheiterte Versuche, die Sucht zu überwinden, hinter sich.

"Solche Patienten sind nikotinsüchtig", steht für Ratje fest. Rund 40 solcher Patienten hat er in seiner Praxis.

"Wer die Sucht besiegt, spart viel Geld"

Zwei von ihnen haben vor dem Sozialgericht Schleswig bereits Klage eingereicht, weitere werden folgen. Ratje ist stellvertretender Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Nikotin- und Tabakforschung, die die Patienten bei ihren Klagen unterstützt.

"Wer rechnen und es sich leisten kann, zahlt die Therapie selbst. Denn wer seine Sucht besiegt, spart langfristig gesehen, tatsächlich viel Geld", sagt Ratje.

Doch viele der auf rund acht Millionen geschätzten süchtigen Raucher in Deutschland werden durch die Kosten vom Entzug abgeschreckt oder meinen, sich die Therapie nicht leisten zu können.

Ratje verweist in diesem Zusammenhang auf den hohen Anteil der Raucher unter Einkommensschwachen. Viele hätten schon negative Erfahrungen mit gescheiterten Versuchen hinter sich und seien deshalb nicht bereit, die Kosten für einen weiteren Versuch selbst zu tragen.

Nach Ratjes Angaben versuchen rund 200.000 süchtige Raucher jährlich in Deutschland mit dem Rauchen aufzuhören.

Die Kurse zur Rauchentwöhnung, die auch Ratje anbietet, sind nach seinen Erfahrungen für diese Zielgruppe ungeeignet. "Dafür sind individuelle Entwöhnung und Verhaltenstherapie erforderlich", steht für ihn fest.

Stigmatisierung der Raucher beobachtet

Diese Angebote kosten mindestens rund 700 Euro, für die Krankenkassen laut Leistungskatalog nicht aufkommen - obwohl sie eine Menge Geld sparen könnten, wenn mehr Menschen mit dem Rauchen aufhören.

Denn für die Folgeerkrankungen wie etwa Herzkreislauf- und Lungenerkrankungen müssen die Kassen aufwendige Therapien bezahlen.  "Für die Krankenkassen hätte sich die Kostenübernahme bei einer erfolgreichen Entwöhnung schon nach kurzer Zeit amortisiert", sagt Ratje.

Der Allgemeinmediziner, selbst konsequenter Nichtraucher, hat in den vergangenen Jahren eine zunehmende Stigmatisierung der Raucher beobachtet.

"Die Nichtraucherschutzgesetze waren richtig. Aber es geht zu weit, Raucher auf Bahnsteigen in ein gelbes Quadrat zu stellen", nennt er als Beispiel.

Auch die gängige Meinung, Raucher seien selbst Schuld, greift für ihn zu kurz: "Wer als Kind zum Raucher wird, ist sicherlich nicht dafür verantwortlich. Als Erwachsene sind solche Raucher längst süchtig und nicht mehr in der Lage, ohne professionelle Hilfe aufzuhören", sagt Ratje. 

Politiker für das Problem sensibilisieren

Er verweist in diesem Zusammenhang auf die Bemühungen um Therapien für Patienten mit anderen Suchterkrankungen. Für Raucher gebe es nichts Vergleichbares, weil die Kosten dafür nicht übernommen werden.

Vom Vorstoß seiner Patienten vor Gericht verspricht sich Ratje eine höhere Sensibilisierung für das Problem bei Politikern und Krankenkassen. "Ich glaube, dass sich viele nicht bewusst machen, was eine Nikotinsucht für die Betroffenen bedeutet."

Bislang wurde eine Kostenübernahme auf breiter Front auch von Betroffenen nur punktuell gefordert. "Vielen Rauchern fehlt die Einsicht. Sie fühlen sich nicht krank, das kommt erst mit den Folgeerkrankungen", ist Ratjes Erfahrung.

Hinzu kommt die fehlende Lobby, während der Staat von den hohen Einnahmen aus der Tabaksteuer profitiert - zuletzt rund 14,4 Milliarden Euro im Jahr.

Damit lässt sich nach Ansicht Ratjes auch erklären, weshalb Deutschland im europäischen Vergleich wenig gegen die Nikotinsucht unternimmt und etwa die höchste Dichte an Zigarettenautomaten weltweit aufweist.

[14.01.2013, 14:09:34]
Dr. Joachim Malinowski 
Tabaksteuer - zuletzt rund 14,4 Milliarden Euro im Jahr.
Ich kann bei diesem Steuereinkommen sehr gut verstehen, warum bei der Abhilfe vom Rauchen "gesundheits"-politisch so inkonsequent gehandelt wird. Ähnlich schlimm ist es mit dem Alkoholproblem.

Steuereinkommen in dieser Größenordnung sind weiterhin eine attraktive Sache für jede Regierung. Warum also darauf verzichten? zum Beitrag »
[11.01.2013, 15:41:50]
Dr. Eberhard Wochele 
Prävention heißt Vorbeugen, nicht nachfolgen
ein Schuh wird daraus, wenn im Gesundheitswesen endlich begriffen wird, dass man nicht das Geld über die Gießkanne und in einzelnen Modellen verheizt, sondern gezielt dort einsetzt, wo es nachhaltig Wirkung zeigen kann. In diesm Fall, wie von dem Kollegen richtig erkannt, von Jugend an,
also in der Schule.Die Sucht auf Nikotin ist dabei nur eine Sucht.
In der Schule wird das richtige Essen, die Bewegung und vieles mehr nicht mehr vermittelt. Wenn das Kind in den Brunnen gefallen ist, ist hinterher die Not groß. Hier ist die Politik gefragt. Aber die will ja seit Jahren im Gesundheitsmarkt sparen. Alles soll der Patient selber bezahlten. Da wird sich der Kollege die Zähne ausbeisen. Schade.
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