Ärzte Zeitung, 19.02.2013

Leitartikel zum Komasaufen

Jugendliche mit den Folgen konfrontieren

Mehr als 26.000 Jugendliche und junge Erwachsene wurden 2011 nach exzessivem Alkoholkonsum stationär behandelt. Aufklärungskampagnen haben bisher wenig geholfen, Gespräche am Klinikbett dagegen schon.

Von Rebecca Beerheide

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Betrunken in der Notaufnahme.

© Peter Steffen / dpa

Jugendliche trinken bis zum Umfallen - und Erwachsene wissen seit Jahren nicht, wie sie damit umgehen sollen: Komasaufen ist und bleibt eine mehr als bedenkliche und vor allem ungesunde Art der Wochenendbeschäftigung vieler Jugendlicher.

Über 26.000 Jugendliche landeten 2011 nach einem Besäufnis in der Klinik. Um diesen Trend aufzuhalten, wurde einiges ausprobiert: Auf die vor gut zehn Jahren beliebten Alkopops wurden drastische Steuern erhoben, heute sind sie raus aus den Regalen und Kneipen.

Supermarktketten haben in ihren Kassensystemen Sperren, sobald Alkohol über den Scanner gezogen wird. In einigen Bundesländern gibt es nächtliche Verkaufsverbote von Alkohol an Tankstellen.

Vor fast allen Kinofilmen laufen Spots von Alkohol-Präventionskampagnen. Allein die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BzGA) unterhält sieben große Projekte, der Verband der privaten Krankenkassen (PKV) zahlt seit 2009 rund 50 Millionen Euro für Kampagnen und unterstützt so auch die Arbeit der BZgA.

Am Mittwoch dieser Woche sollen die Teilnehmer eines bundesweiten Präventionswettbewerbs der BZgA und des PKV-Verbandes geehrt werden.

All die Bemühungen scheinen allerdings nicht zu fruchten: Im Jahr 2000 zählte das Statistische Bundesamt 9514 Jugendliche zwischen zehn und 20 Jahren, die nach dem Komasaufen in Kliniken wieder aufwachten ...

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[19.02.2013, 17:59:01]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
Schnaps-Idee mit Koma-Kids?
"Immer mehr Erwachsene saufen sich ins Koma" - ist die entscheidende Botschaft, mit der eine dpa/AFP-Meldung vom 24.06.2011 informiert: Ein Drittel aller Männer zwischen 18 und 64 weisen ein gesundheitsschädliches Alkohol-Konsumverhalten auf. Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) warnt vor gestiegenem Alkoholkonsum in a l l e n Altersgruppen. 200 Alkohol-Tote pro Tag gibt es in Deutschland allein bei den Erwachsenen. Zu beachten ist auch die hohe Dunkelziffer bei Komorbidität und Mortalität im Zusammenhang mit nicht erkanntem Alkoholabusus.

Laut Suchtbericht von 2011 trinkt jeder Deutsche im Durchschnitt zehn Liter reinen Alkohol pro Jahr. Insgesamt konsumieren rund 9,5 Millionen Deutsche zwischen 18 und 65 Jahren regelmäßig Alkohol in gesundheitlich hochriskanten Mengen.
http://lifestyle.t-online.de/komasaufen-immer-mehr-erwachsene-trinken-bis-zur-alkoholvergiftung/id_47441294/index

Und dann kommt ausgerechnet ein gesundheitspolitischer Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion mit der Schnapsidee daher, bei den Eltern der Koma-Kids 100 Euro für die akute Entgiftungsbehandlung einzufordern, die bei allen anderen in GKV und PKV selbstverständlich kostenlos ist? Während der Staat rücksichtslos Milliarden-Steuereinnahmen über die Alkoholsteuer generiert und zugleich schamlos an jugendlichen Rauschtrinkern bei deren Alkoholkonsum sich auch noch steuerlich bereichert?

Dieser selbsternannte Gesundheits-, Krankheits- und Alkoholabhängigkeits-"Experte" sollte doch eher eine AA-Selbsthilfegruppe im Plenum des Deutschen Bundestags propagieren, statt aus vordergründig wahltaktischen Gründen auf Eltern einzudreschen, die ihre Kinder nicht schnell genug in einer verschwiegenen Privatklinik unterbringen können. Auch die Ärzte Zeitung sollte diesem Populismus nicht aufsitzen. Denn Komasaufen, fehlendes Gesundheitsbewusstsein, Unterschichtproblematik, mangelnde gesellschaftliche Teilhabe, familiäre Kommunikationsprobleme und sozialpsychologische Sprachlosigkeit werden hier zu einer gefährlichen Familien-, Kinder- und Jugend-feindlichen Gemengelage zusammengerührt. Und dagegen könnte selbst die Bundesfamilienministerin, Frau Dr. Kristina Schröder, mit ihrer Dissertation "Gerechtigkeit als Gleichheit" nichts ausrichten.

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
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