Ärzte Zeitung online, 18.05.2015

Suchtexperten

Drogenpolitik neu ausrichten!

Es gab zuletzt mehr Drogentote, mehr künstliches Rauschgift und mehr bedenkenlos genommene Substanzen aus dem Internet. Suchtforscher und Aktivisten aus der Helferszene fordern eine Kehrtwende von Politikern.

BERLIN. Suchtexperten aus unterschiedlichsten Disziplinen fordern die Bundesregierung auf, ihre Drogenpolitik grundlegend neu zu ausrichten.

"Wir brauchen eine erwachsene Drogenpolitik, die auf einer Lernstrategie basiert und den Menschen ermöglicht, für sich die gesündere Entscheidung zu treffen", sagt Professor Heino Stöver.

Der Suchtexperte von der Frankfurt University of Applied Science gehört mit zu den Herausgebern des zweiten Alternativen Drogen- und Suchtberichtes, der am Montag in Berlin vorgestellt wurde.

Die Fachleute - unter ihnen Suchtmediziner, Kriminalbeamte und Juristen - sind sich darin einig, dass das Betäubungsmittelgesetz (BtMG) seine Ziele verfehle und dringend neu auszurichten sei.

Seit 2014 erstellen der Bundesverband für akzeptierende Drogenarbeit und humane Drogenpolitik (akzept e.V.), die Deutsche Aids-Hilfe und der Selbsthilfe-Bundesverband "Junkies, Ehemalige, Substituierte" (JES) jährlich gemeinsam den Bericht, den sie als "kritische Ergänzung" zum offiziellen Drogen- und Sichtbericht der Bundesregierung sehen.

Die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Marlene Mortler (CSU), wird ihren Jahresbericht am kommenden Donnerstag vorstellen.

Vorbild Schweiz

Die Suchtexperten forderten, den Zugang zu Diamorphinen in der Substitution für Drogenabhängige auszubauen - wie dies beispielsweise in der Schweiz der Fall sei.

Cannabis-Produkte sollten nicht generell verboten werden, sondern kontrolliert produziert und verteilt werden. Jüngst hatten sich die Bundestagsabgeordneten Joachim Pfeiffer (CDU) und Dieter Janecek (Grüne) für einen staatlich regulierten Markt für Cannabis als Genussmittel ausgesprochen.

Die FDP stimmte am Sonntag auf ihrem Parteitag mehrheitlich für eine Legalisierung von Cannabis unter strikten Auflagen. Auch die Deutsche Gesellschaft für Suchtmedizin (DGS) hatte zu Jahresbeginn das BtMG als "problemverschärfend" kritisiert und eine "Generalrevision" eingefordert.

Maximilian Plenert vom Deutschen Hanf-Verband plädierte bei der Buchvorstellung in Berlin dafür, Cannabis als Medizin anzuerkennen.

Hilfe für Menschen mit seltenen Erkrankungen

"Bislang dürfen nur etwa 400 Menschen entsprechende Präparate legal erwerben", sagte Plenert, der selbst als ADHS-Patient davon profitiert. Gerade Menschen mit Schmerzen oder seltenen Erkrankungen könnte so geholfen werden.

Mitunter müssten sie jedoch mehrere Wochen auf die Medikamente warten. "Wir fordern Therapiefreiheit und Kostenerstattung für diese Patienten", sagte Plenert.

Die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Marlene Mortler (CSU), habe bislang nur angekündigt, die Behandlung mit Cannabis für schwer kranke Schmerzpatienten erleichtern zu wollen

 Nötig sei, so Plenert, eine unbürokratische Lösung. Beispielsweise sollte es den Betroffenen erlaubt werden, Hanfpflanzen anzubauen. (wer)

[21.07.2015, 03:33:14]
Dirk Schäffer 
Legalisieren bedeutet endlich Kontrolle
Sehr geehrter Herr Dr Bayerl,

als einer der Herausgeber des Alternativen Drogen- und Suchtberichts möchte ich die Gelegenheit nutzen um kurz auf ihren Leserbrief einzugehen und Ihnen unser Modell der Legalisierung zu skizzieren.

Schaut man sich die Konsumentenzahlen an und wirft einen Blick auf die Drogentodesfälle sowie die gesundheitliche und soziale Situation von Drogenkonsumenten, dann kann man nur zu dem Ergebnis kommen, dass die seit mehr als 30 Jahren verfolgte Strategie des Totalverbots flankiert von Behandlung, Prävention sowie einer starken Säule der Repression erfolglos ist. Darüber hinaus entstehen seit Jahren Kollateralschäden, mit hohen Raten von Hepatitis und HIV Infektionen.
Es kann kein "weiter so" geben. Stattdessen gilt es eine Neuorientierung zu ermöglichen indem Erwachsene ihre Drogen qualitätskontrolliert in einer vorher bekannten Dosierung durch geschultes Personal erhalten- natürlich unter Berücksichtigung von Jugendschutz und Verbraucherschutz. Heute werden junge Menschen kriminalisiert und sind vielfach vorbestraft. Die harten Strafen führen dazu, dass viele ihren Konsum viel zu lange geheim halten, anstatt sich frühzeitig Hilfe zu holen. Dieser Umstand würde mit unserem Modell der Vergangenheit angehören.
Drogenanbau und Handel ist heute in der Hand der organisierten Kriminalität. Der Schwarzmarkt erzeugt horrende Preise und macht Qualitätskontrollen und Jugendschutz unmöglich.
Eine Legalisierung würde den Schwazmarkt weitgehend ausrotten.

Vor dem Hintergrund der ernüchternden und teilweise desaströsen Ergebnisse nach 30 jahren Drogenpolitik in Deutschland hat ein anderes Modell eine Cance verdient. Hierdurch werden wir den Konsum von psychoaktiven Substanzen nicht ausrotten, aber es wird mehr Sicherheit und weniger Kosten für Gefängis- und Krankenhausaufenthalte gebebn und Drogenabhängige Menschen müssen sich nicht mehr prostitutieren oder kriminalisieren um ihre Drogen erwerben zu können. Wir benötigen Mut dem Weg vieler anderer Länder zu folgen.

Viele Grüße aus Berlin
Dirk Schäffer zum Beitrag »
[19.05.2015, 23:35:38]
Dr. Wolfgang P. Bayerl 
Dass die Drogenhersteller das wünschen kann ich schon verstehen,
das Vorbild ist immer die USA, hier boomt das Geschäft nach der Freigabe und wir wollen ja jeden Kappes der USA nachmachen.

Es gäbe da nur eine Möglichkeit und die müsste auf Alkohol und Zigaretten einschl. der dollen e-Zigarette natürlich ausgedehnt werden,
wenn ALLE medizinischen Folgekosten + Psycho- und Sozio-Bemühungen von den Herstellern übernommen werden und bitte nicht von der AOK.
Man sagt ja, dass das Zeug auf dem Schulhof gehandelt wird, was unseren wirklich vorbildlichen Jugendschutz unterstreicht, bequemer geht es nun wirklich nicht.

mfG zum Beitrag »

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