Ärzte Zeitung, 30.07.2015

Suizid

Selbstvergiftung durch Drogen nimmt bei jungen Leuten zu

Nach wie vor ist der Alkohol die Hauptursache, wenn Menschen wegen einer akuten Intoxikation behandelt werden müssen. Alarmierend ist jedoch, dass immer mehr junge Menschen wegen des Gebrauchs illegaler Drogen in Kliniken eingeliefert werden.

Von Christine Starostzik

Selbstvergiftung durch Drogen nimmt bei jungen Leuten zu

Die Zahl der Rausch-Notfallbehandlungen infolge illegalen Drogen-Konsums ist gestiegen.

© Monkey Business / fotolia.com

LEIPZIG. Um Trends bei akuten Selbstvergiftungen zu untersuchen, haben Intensivmediziner um Studienleiter Sirak Petros von der Universitätsklinik Leipzig die Akten erwachsener Patienten aus den Jahren 2005 bis 2012 ausgewertet (Anaesthesist 2015; 64: 456-462).

Alle 3533 Patienten waren wegen eines Suizidversuchs (18 Prozent, Suizidgruppe), einer Berauschung (76,8 Prozent, Intoxikationsgruppe) oder einer Medikamentenüberdosierung zur Schmerzlinderung (2,9 Prozent, Überdosierungsgruppe) in das Universitätsklinikum Leipzig eingeliefert worden. Knapp ein Drittel der Patienten war jünger als 25 Jahre.

Insgesamt war die Zahl der stationären Aufnahmen wegen akuter Selbstvergiftung von 305 Fällen im Jahr 2005 auf 624 Patienten im Jahr 2012 gestiegen.

Bezogen auf die Zahl der gesamten stationären Aufnahmen war der Anteil an Selbstvergiftungen von 1,2 auf 1,9 Prozent gewachsen. Eine Aufnahme auf die Intensivstation war in 16,6 Prozent der Fälle erforderlich, 22 Patienten starben, die meisten davon nach Suizidversuch.

Über 10 Prozent der Patienten mit Selbstvergiftung wurden im Studienzeitraum mindestens noch ein zweites Mal wegen einer Intoxikation in eine Klinik eingewiesen.

Suizidversuche häufig mit Benzos

In der Suizidgruppe waren vorwiegend psychotrope Medikamente (71,6 Prozent) der Grund für die stationäre Behandlung, wobei 52 Prozent der Patienten mehr als zwei verschiedene Substanzen eingenommen hatten.

Die Substanzliste führten mit 28,6 Prozent die Benzodiazepine an, gefolgt von Antidepressiva (20,2 Prozent), Antihistaminika (13,4 Prozent), NSAR (13,1 Prozent) und Paracetamol (12,8 Prozent).

Weniger als 10 Prozent der Patienten hatten versucht, sich mit Neuroleptika, Herz-Kreislauf-Mitteln, Opioiden, Antikonvulsiva, Chemikalien (Detergenzien, Tenside, Frostschutzmittel), Antidiabetika (Insulin, orale Antidiabetika) oder Amphetaminen das Leben zu nehmen.

Fast ein Drittel der lebensmüden Patienten hatte zusätzlich Alkohol konsumiert.

Intoxikation meist durch Alkohol

Rund 80 Prozent der Intoxikationen waren alkoholbedingt, und dies mit relativer Konstanz seit 2005. Ein erheblicher Anstieg der Fallzahlen für eine Rausch-Notfallbehandlung wurde in den Jahren 2011 und 2012 infolge des Konsums von Crystal Meth, Cannabinoiden und Gamma-Hydroxybuttersäure (GHB) verzeichnet.

Opioid- und Benzodiazepin-Intoxikationen hatten 2007 ein Maximum erreicht, danach fielen die Zahlen allmählich.

Zum Zwecke der Schmerzlinderung wurden am häufigsten Benzodiazepine (24,8 Prozent) überdosiert, gefolgt von Paracetamol (17,8 Prozent), NSAR (16,8 Prozent), Antidepressiva (12,9 Prozent), Opioiden (11,9 Prozent) und Neuroleptika (10,9 Prozent).

Auch von diesen Patienten nahm fast jeder Dritte mehr als eine Substanz ein. 17,8 Prozent tranken dazu Alkohol.

Hinsichtlich des Konsums illegaler Drogen, so die Autoren, sei vor allem in Grenzgebieten mehr internationale Kooperation nötig, so die Studienautoren.

Denn seit 2009 sei die Zahl der Crystal-Meth-Konsumenten in Gegenden Deutschlands, die an Tschechien grenzen, jährlich um 25 Prozent angewachsen. Dies gelte insbesondere für Sachsen, in dessen unmittelbarer Nähe etliche Crystal-Meth-Laboratorien produzierten.

Die zunehmenden akuten Vergiftungen infolge einer selbstständigen Schmerztherapie machten deutlich, so die Leipziger Ärzte, wie notwendig die öffentliche Aufklärung sowie verstärkte psychiatrische Betreuung für Prävention und Therapiekontrolle seien.

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