Ärzte Zeitung, 13.01.2016

Abhängigkeit

Viele Vorurteile rund um die Alkoholsucht

Wir lieben den Alkohol, aber nicht den Alkoholiker. Wer zu viel trinkt, gilt als charakterschwach. Solche Vorbehalte erschweren die Versorgung: Eine Behandlung wird fälschlicherweise oft als überflüssig oder wirkungslos betrachtet.

Von Thomas Müller

Vorbehalte beinträchtigen die Versorgung

In frühen Stadien der Alkoholsucht sind Suchttherapien meist erfolgreich.

© thodonal / fotolia.com

BERLIN. Unter Drogenkonsum verstehen die meisten Menschen noch immer den Genuss von Amphetamin, Heroin und Kokain. Das wahre Drama spielt sich jedoch beim übermäßigen Gebrauch von legalen Drogen wie Alkohol und Nikotin ab.

So sterben in Deutschland jährlich etwa 74.000 Menschen an den Folgen ihres Alkoholmissbrauch und 110.000 an den Folgen des Rauchens, wie Professor Iris Hauth beim Kongress der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN) in Berlin betonte.

Ein besonderes Problem sieht die DGPPN-Präsidentin beim Alkoholkonsum: "Über 9,5 Millionen Menschen trinken in Deutschland Alkohol in gesundheitlich riskantem Ausmaß. Psychische Störungen und Verhaltensprobleme durch Alkohol liegen mit mehr als 330.000 Fällen an zweiter Stelle der Krankenhausdiagnosestatistik."

Jedoch erhalte in Deutschland nur jeder zehnt Alkoholabhängige eine spezifische Therapie. "Viele Therapieangebote kommen zu wenig bei den Betroffenen an. Oft bestehen erhebliche Unsicherheiten im Umgang mit Suchtpatienten, oder es fehlt an der nötigen Abstimmung zwischen Haus- und Fachärzten sowie der Suchthilfe."

Ein Grund dafür seien auch Fehleinschätzungen: "Eine Abhängigkeit wird mit einem ungesunden Lebensstil verwechselt." Zugleich würden Alkoholkranke immer noch stark diskriminiert, etwa bei der Suche nach Arbeit und Wohnung.

Die Folge: "Suchterkrankungen werden von den Betroffenen und ihrem sozialen Umfeld totgeschwiegen. Therapeutische Interventionen erfolgen daher oft erst in einem sehr späten Stadium der Abhängigkeit."

Alkohol steht für Macht und Erfolg

"Wir lieben den Alkohol, nicht den Alkoholiker" - dieses Fazit zieht Dr. Heribert Fleischmann, Vorsitzender der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen (DHS), aus einer Reihe von Befragungen.

So sei der Alkoholkonsum in der Bevölkerung positiv besetzt, Alkohol werde mit Macht und Erfolg assoziiert und dürfe daher auf keiner Siegesparty fehlen - weder in der Politik noch im Sport.

Abhängige Menschen würden dagegen abgelehnt: Mehr als die Hälfte der Bevölkerung ist der Auffassung, dass man bei der Behandlung Alkoholkranker sparen kann. 37 Prozent der Grundsicherungsstellen der Arbeitsvermittlung sanktionieren Suchtkranke.

17 Prozent der Bevölkerung halten nach einer Repräsentativerhebung der DHS die Sucht für eine Charakterschwäche, 36 Prozent für eine selbst verschuldete Krankheit und 5 Prozent für nicht behandelbar. Nur ein Viertel akzeptiert ein medizinisch-biologisches Krankheitskonzept.

Ein Drittel der Bevölkerung lehnt einen Alkoholkranken als Nachbarn oder Arbeitskollegen ab, zwei Drittel wollen ihn nicht als Freund haben oder nicht an ihn vermieten, über 80 Prozent würden ihm nicht die Kinder zum Aufpassen anvertrauen.

Deutlich unterschätzt wird nach Fleischmanns Auffassung der Erfolg medizinischer Interventionen: So könnte 80 Prozent der Betroffenen ambulant und über 90 Prozent in stationärer Behandlung geholfen werden.

Konkret heiße dies, dass bis zu zwei Drittel der Betroffenen nach der Therapie abstinent lebten, mehr als 80 Prozent seien zwei Jahre nach der Entwöhnung wieder im Erwerbsleben integriert.

Gerade in der ambulanten Versorgung seien Hausärzte von großer Bedeutung, allerdings mangele es hier oft am nötigen Problembewusstsein sowie an der Zeit für Diagnostik und Behandlungsplanung.

Fleischmann betonte, dass nicht alle Suchtkranken eine medizinische Behandlung brauchten, oft genügten auch andere Interventionen, etwa ein Konsumtagebuch oder eine intensive Beratung, um den Alkoholkonsum zu senken, auch müsse nicht immer die Abstinenz das Ziel sein.

Gefangen in der Präferenzwahrnehmung

Am besten sind die Chancen, der Sucht zu entkommen, wenn diese noch nicht lange besteht.

"Dann können die Betroffenen noch kognitiv dagegen arbeiten", erläuterte Professor Falk Kiefer vom Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim. Sie sind dann noch in der Lage, den Konsum aus Furcht vor negativen Konsequenzen einzuschränken.

Der präfrontale Kortex behält aber nur bis zu einem gewissen Grad die Kontrolle über das Geschehen, irgendwann sind die Patienten unter dem Einfluss der Droge nicht mehr in der Lage, alternative Handlungsmotive wahrzunehmen und sich gegen Alkohol zu entscheiden. "Die Freiheit wird durch den Suchtmittelkonsum eingeschränkt."

Das auf Alkohol konditionierte Belohnungssystem im Gehirn filtert dann gnadenlos alle Informationen heraus, die nichts mit dem Alkoholkonsum zu tun haben. "Sie sehen in einer Einkaufsstraße vielleicht Schuhgeschäfte, ein Suchtkranker nur Kneipen", sagte Kiefer.

Die Patienten sind nun gefangen in ihrer Präferenzwahrnehmung und trinken weiter trotz der negativen körperlichen und sozialen Folgen. Spätestens dann müsse von einer alkoholinduzierten kognitiven Störung ausgegangen werden, die eine medizinische Behandlung erforderlich macht.

Dieser Prozess, so Kiefer, verläuft jedoch schleichend und ist nicht direkt von der Dosis abhängig. "Es gibt keinen Schalter zwischen normalem Konsum und Sucht."

[17.01.2016, 00:43:40]
Dr. Claus Kühnert 
Alkoholkrankheit immernoch mit falschen Denkansätzen

1951 legte Jellinek die Grundlagen für den Begriff "Alkoholkrankheit" prägte und die WHO dafür sorgte dies weltweit, als Krankheit mit der entsprechenden Nomenkladur zur internationalen Verschlüsselung, anzuerkennen, leben wir inzwischen im 48.Jahr der Anerkennung dieser Krankheit in Deutschland (1968!), die immer noch sehr konträr diskutiert wird und ebenso häufig in Diskriminierung ausufert.
Unsere "Erfolgsergebnisse",ebenso international gesehene, sind gelinde gesagt katastrophal schlecht und die verwendeten Gelder nach Meinung vieler, natürlich von Haus aus, sehr kluger Kritiker, absolut überdimensioniert und fehlinvestiert. Das könnte z.T. stimmen, wenn man weiterhin an den alten und überholten Denkansätzen kleben bleibt.
Das Grundübel ist weniger, vielleicht primär gar nicht, das "Trinken" an sich, sondern die Frage: "Warum trinken er oder sie soviel?" Im Grunde beantworten viele Neuropsychiater diese Frage in ihren Sitzungen (ambulant +stationär) mit der zunächst kurios klingenden Frage:"Herr/Frau...wie fühlen Sie sich, lieben Sie sich heute wieder?" Das ist eine Frage nach dem bereits lange abhanden gekommene Selbstwertgefühl des"Trinkers". Das soll heißen, dass dort das Grundübel besteht! Das bedeutet er oder sie hat Probleme mit der Selbstwahrnehmung, mit dem Selbstwertgefühl und empfindet seit geraumer Zeit Minderwertigkeitsgefühle. Dann stellen mehr oder weniger ALLE füher oder später fest, das Alkohol 'entspannt, lockert und das Leben erträglicher macht', d.h. man trinkt sich so nach und nach seine Welt und diesen oder jenen Idioten im Alltag erträglich und schön bunt. Erst dann kommen die Suchtzentren unseres Gehirns richtig in's Spiel indem sie uns nun "Wohlbefinden" suggerieren und weiter trinken lassen. Früh kommt nicht nur das schlechte Gewissen oder der "Kater", sondern auch nach geraumer Zeit 'craving' (Saufdruck)+ "...von da an ging's bergab" sang Hildegard Knef. In den ambulanten und stationären Reha's werden die Deliquenten mit viel großartigen theoretischen Kenntnissen zugetextet - aber dies und viele praktische Tips helfen leider nicht allein.
Dass Depression und Alkoholkrankheit Koerkrankungen sind oder wie ein Paar Schuh zueinander gehören wissen zwar viel Kollegen inzwischen. Wenn ich dann einen von ihnen Frage:"Warum therapieren Sie nicht endlich oder gleich primär die Depression?" Kommt der Hinweis, dass das eine alte Regel sei, oder gar der 'Goldstandart' und wisse ich denn, was zuerst kommt, die Depri oder der Alkohol. Angeblich vertragen sich auch viele Antidepressiva nicht mit dem Alkohol. Vielleicht greift man mal auf einfachere wie Escitalopram o.ä. zurück und schießt nicht gleich mit Trizyklika.
Kurzum, es gebe noch viel zu sagen. Nach meinen persönlichen Erfahrungen, insbesondere mit Betroffenen, die sich konsequent über Depression + Alkohol beraten ließen und die ihre Antidepressiva auch konsequent nach Vorschrift nahmen und nicht zwischenzeitlich selbst absetzten (dann kommen extrem bedrohliche Abstürze und Rückfälle)wäre die Erfolgsqute sehr viel besser! Insgesamt hatte und habe ich inzwischen einen relativ großen Kreis "dankbarer Betroffener". Klar bleibt dabei immer das Eine:"Die Alkoholkrankheit und damit die Rückfallgefahr besteht lebenslang". Ein Übermütiger glaubte sich nach 15 Jahren Abstinenz geheilt. Bereits am übernächsten Tag seines "Rückfalls" trank er wieder die 'Tagesdosis' von einem Kasten Kostritzer Schwarzbier (eine andere Marke hätte auch so gewirkt".
Also: cave canem!
MfG dokuet







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[14.01.2016, 14:02:42]
Dr. Horst Grünwoldt 
Alkoholisches
So wie in D pauschal von "Flüchtlingen" - und nicht differenziert- von Migranten, Einwanderern,Zuwanderern und tatsächlich politisch Verfolgten oder ethnisch Vertriebenen (gem. UNHCR-Def.) posaunt wird,
wird immer wieder vom "Alkohol-Trinken" gesprochen.
Das erfahre ich gelegentlich auch, wenn ich Bekannte zum Schoppen mit Wustsalat einladen möchte.
Dabei macht es doch medizinisch und suchterzeugend einen heftigen Unterschied aus, ob jemand des öfteren sich 40 Prozentiges auf die nackten Schleimhäute gießt (und damit auf kurzem Wege auch in´s Gehirn), oder zum Essen das 5%ige Bier bzw. den 12%igen Wein genießt! Und bei Letzteren dürfte die Leber das kalorische Getränk bei körperlich Aktiven auch schadlos metabolisieren.
Und damit alkoholisiert ("betrinkt") sich i.d.R. auch niemand...
Dr. med. vet. Horst Grünwoldt, Rostock
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