Ärzte Zeitung, 06.06.2016

Ohne Pillen, ohne Pflaster

So bringen Ärzte Raucher von der Kippe weg

Die meisten Raucher wollen ihren Zigarettenkonsum einschränken. Die ärztliche Kurzintervention kann der entscheidende Anstoß dafür sein: Nach dem Rauchen fragen und zum Rauchstopp motivieren!

Von Thomas Meissner

Wie das zu schaffen ist

Endlich Ex-Raucher! Tabakentwöhnung ist ein möglicher Tätigkeitsschwerpunkt für Niedergelassene.

© Knut Wiarda / fotolia.com

BAD SÄCKINGEN. Jeder vierte Deutsche über 15 Jahre raucht. Diese Menschen nehmen regelmäßig karzinogene, teratogene, atherogene sowie psychotrope Stoffe auf. Nur drei von hundert Rauchern schaffen es, spontan und dauerhaft abstinent zu bleiben.

Es sind die körperliche und die psychische Abhängigkeit, die es so schwer machen, den Rauchstopp erfolgreich umzusetzen. Die gute Nachricht: Bei weitem nicht jeder Raucher ist tatsächlich tabakabhängig. Je nach Definition des Begriffes Sucht sind es 20 bis 60 Prozent: Etwa die Hälfte aller Raucher erfüllen also nicht die Kriterien einer Tabakabhängigkeit.

Drei von fünf wollen aufhören

Es erscheint nachvollziehbar, dass es leichter ist, eine ungesunde Angewohnheit abzuschalten als mit einer chronischen Krankheit umzugehen. Beides kann gelingen. Denn die meisten Raucher geben an, ihr Rauchverhalten ändern zu wollen, drei von fünf möchten ganz aufhören.

Es sind zwei Dinge, die sich als erfolgversprechend für die Tabakentwöhnung herausgestellt haben und die in der S3-Leitlinie zu diesem Thema nachdrücklich empfohlen werden:

das Screening, um eine Nikotinabhängigkeit zu erkennen und

die ärztliche Kurzintervention zur Tabakentwöhnung.

Sechs einfache Frage auf dem Weg zur Abstinenz

Das Screening besteht aus sechs einfachen Fragen. Die Kurzintervention beansprucht wenige Minuten und erhöht signifikant die Abstinenzwahrscheinlichkeit. "Daher sind alle Ärzte gefordert, die Raucher unter ihren Patienten zu identifizieren", schreiben Dr. Andreas Jähne von der Rhein-Jura Klinik in Bad Säckingen und seine Kollegen in einem CME-zertifizierten Fortbildungsbeitrag (CME 2015; 12:7-13).

"Sie sollten deren Rauchverhalten erfragen und dokumentieren sowie Unterstützung beim Rauchstopp anbieten", so Jähne, einer der Autoren der Leitlinie zur Tabakentwöhnung. Rauchen stoppen, den Entzug überwinden und das rauchfreie Verhalten festigen - dies sind die drei Phasen der Behandlung. Am meisten Erfolg versprechend ist die Kombination psychologischer Interventionen mit Medikamenten.

Zunächst zur Erfassung der Raucher. In der Praxis hat sich der Fagerström-Test mit sechs Fragen bewährt, etwa: "Wann nach dem Erwachen rauchen Sie Ihre erste Zigarette?" oder: "Wie viele Zigaretten rauchen Sie pro Tag?"

Die Antworten werden jeweils mit bis zu drei Punkten bewertet, drei bis fünf Punkte sprechen für eine mittlere Abhängigkeit, über acht Punkte für eine starke Abhängigkeit. Für eine Tabakabhängigkeit sprechen auch Kriterien wie das unwiderstehliche Verlangen nach der Zigarette (Craving), die Entwicklung einer Toleranz, so dass zunehmende Mengen geraucht werden oder der fortgesetzte Zigarettenkonsum trotz schädlicher Folgen.

Eine Frage der Gesprächsführung

Als Nächstes folgt die Motivation des Patienten dazu, einen Rauchstoppversuch zu unternehmen. Jähne und seine Kollegen empfehlen dafür die Technik der motivierenden Gesprächsführung: offenes Fragen, aktives Zuhören, Bestätigung des Patienten, jede Diskussion oder Belehrung wird vermieden.

Günstig ist der Hinweis darauf, dass bereits kurze Zeit nach dem Rauchstopp erste gesundheitliche Vorteile spürbar werden. Nach acht Stunden sinkt der Kohlenmonoxidspiegel auf normale Werte, die Sauerstoffsättigung im Blut steigt - man fühlt sich leistungsfähiger als zuvor.

Nach 24 Stunden kann man wieder besser schmecken und riechen, nach drei Tagen ist die Atmung deutlich verbessert. Später lässt auch der Raucherhusten nach, der Kreislauf stabilisiert, das Immunsystem erholt sich.

Lungenkrebsrisiko um 50 Prozent reduzieren

Und nach ein bis zwei Jahren Tabakabstinenz ist das Herzinfarkt- und Lungenkrebsrisiko um die Hälfte reduziert. Im dritten Schritt wird schließlich Unterstützung bei der Tabakentwöhnung angeboten und der Patient an eine anerkannte Institution weitergeleitet.

Gerade für immobile Patienten sind die Rauchertelefone ein niederschwelliges Hilfsangebot, das eine Alternative zum drei- bis sechswöchigen Gruppenkurs sein kann. Selbsthilfeprogramme sind ebenfalls niederschwellige Optionen, sie haben sich als etwas weniger effektiv als Gruppentherapien und Medikamente erwiesen. Wie wirksam Web-basierte Programme zur Tabakentwöhnung sind, ist noch unzureichend untersucht.

Ziel der verhaltenstherapeutischen Intervention sei es, so Jähne und Mitarbeiter, die von Rauchern als positiv empfundene Stressreduktion sowie verstärkte Aufmerksamkeit beim Rauchen durch ein anderes Verhalten zu erreichen. Die Medikamente dienen dazu, die Nikotin-Entzungssymptome zu reduzieren - in Studien ließ sich mit Medikamenten die Abstinenzquote etwa verdoppeln.

Dazu stehen nikotinhaltige Präparate wie Pflaster, Kaugummis, Lutschtabletten, Microtab, Nasen- oder Mundspray und Inhalatoren sowie Vareniclin und Bupropion zur Verfügung. Empfohlen wird die Kombination eines lang- und eines kurzwirksamen Präparates.

 Die Dosierung erfolgt entsprechend der bislang gerauchten Zigarettenzahl und lässt sich mit Hilfe der Präparate individuell anpassen. "Die initiale Dosierung muss ausreichend hoch gewählt werden", empfehlen Jähne und seine Kollegen. Nach vier bis sechs Wochen wird die Dosis reduziert, nach weiteren zwei bis vier Wochen erneut. "Die Behandlungsdauer sollte in der Regel sechs Monate nicht überschreiten."

E-Zigaretten als Entwöhnungshilfe?

Das Psychopharmakon Vareniclin wirkt am Nikotinrezeptor als partieller Agonist sowie gleichzeitig antagonisierend. Das soll die belohnenden Eigenschaften des Nikotins reduzieren. Erst ein bis zwei Wochen nach Einnahmebeginn soll das Rauchen gestoppt werden, damit dem Raucher das veränderte subjektive Erleben des Rauchens unter der Medikation bewusst wird.

Jähne empfiehlt, die auf Vareniclin eingestellten Patienten engmaschig zu betreuen und vor allem auf mögliche depressive Verstimmungen oder psychotische Symptome hinzuweisen. Insgesamt scheine die Inzidenz schwerer Nebenwirkungen aber gering zu sein.

Das noradrenerg wirkende Antidepressivum Bupropion wirkt antriebssteigernd und reduziert das Craving. Gerade das heftige Verlangen nach Tabak führt zum Rückfall in alte Gewohnheiten. Für Bupropion sind verbesserte Abstinenzraten nachgewiesen worden, zu beachten sind allerdings Interaktionspotenziale mit hepatisch metabolisierten Arzneimitteln, unerwünschte Wirkungen und Anwendungsbeschränkungen.

Für Akupunktur, Hypnose oder Hypnotherapie liegen bislang keine Wirksamkeitsnachweise vor. Auch für E-Zigaretten als Entwöhnungshilfsmittel sei die Datenlage unzureichend und Sicherheitsaspekte seien ungeklärt, so Jähne.

Gerade bei bestehender Tabakabhängigkeit seien Rückfälle die Regel und gehörten zum Entwöhnungsprozess dazu. "Wichtig sind eine neutrale Rückfallbewertung und das erneute Erarbeiten alternativer Verhaltensstrategien." Die verlängerte Anwendung von Vareniclin oder Bupropion scheint die Rückfallhäufigkeit zu reduzieren.

[07.06.2016, 12:36:02]
Joseph Walenta 
Therapieangebote? Für wen?
Wenn es nur drei von hundert Rauchern schaffen, spontan und dauerhaft abstinent zu bleiben, wie viele schaffen es dann mit der ganz sicher nicht kostenfreien Unterstützung durch einen Therapeuten und durch Einsatz der keineswegs billigen nikotinhaltigen Präparate wie Pflaster, Kaugummis, Lutschtabletten, Microtab, Nasen- oder Mundspray und Inhalatoren sowie Vareniclin und Bupropion? Zahlt man für letztere nicht sogar richtige "Apothekerpreise"?

Welche Angebote gibt es für diejenigen, die sich diese Therapieangebote nicht leisten können? Kompensieren sie die fehlende Unterstützung durch ein mehr an Willensstärke?

Ich bin erstaunt! Sechs Fragen zum Rauchverhalten erhöhen signifikant die Abstinenzwahrscheinlichkeit? Das kann doch wohl nur heißen, dass die hier vorgeschlagene Therapie besonders dann erfolgreich ist, wenn eine Nikotinabhängigkeit sowieso nicht vorliegt. Oder verstehe ich da etwas falsch?

Was bieten die "Experten" denen an, die von ihrem Nikotin einfach nicht wegkommen? Müssen sie weiterhin Rauchen, mit den hier beschrieben Konsequenzen?

Gab es nicht einmal eine Zeit, in der rauchfreie Alternativen zur Verfügung standen, die in Skandinavien verbreitet sind? Die bestehen zwar auch aus Tabak und sie enthalten Nikotin, aber bei ihrem Konsum entstehen eben keine karzinogene, teratogene und atherogene Stoffe, wie beim Abbrand einer Zigarette. Und waren es nicht "Suchtexperten", die wirklich alles dafür taten, dass ein EU-Mitgliedsstaat dauerhaft daran gehindert ist, diese Alternative frei zu handeln. Für wen taten die es eigentlich, für die Rauchwaren- und Pharmaindustrie. Und, wieso nennt sich die EU immer noch "Freihandelszone", wenn sie doch schon längst keine mehr ist?

Niemand käme auf die Idee Kaffee- und Teetrinker als Abhängige bezeichnen. Das wäre wohl anders, wenn sie anfangen würden das Zeug zu rauchen.

Wie scheinheilig mit den Themen "Abhängige " und "Abhängigkeit" umgegangen wird, die aufrechte "Nicht-Abhängige" ständig bekämpfen oder therapieren müssen, wird einem sofort klar, wenn man einfach mal selbst die Luft anhält. Ist unsere Abhängigkeit von ihr nicht beängstigend groß? Ihr Entzug ist sogar tödlich! Therapieangebote?

Beste Grüße

J. Walenta zum Beitrag »

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