Ärzte Zeitung, 19.10.2016

Tabuthema im Praxisalltag

Armut macht krank, Krankheit macht arm

6,7 Millionen Menschen in Deutschland sind überschuldet. Wer arm ist, hat ein höheres Risiko, zu erkranken. Und kann sich daraus entstehende Extra-Ausgaben wie zum Beispiel Medikamentenzuzahlungen nicht leisten.

Von Christian Beneker

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Jeden Cent zweimal umdrehen: Wer arm ist, lebt oft ungesünder.

© Alexander Raths / fotolia.com

WUNSTORF. Armut macht krank, Krankheit macht arm – das wurde auf dem Fachtag der Schuldnerberatung der Diakonie Hannover-Land und der Ärztekammer Niedersachsen (ÄKN) im niedersächsischen Wunstorf klar. Und dieser Zusammenhang greife nicht erst seit heute, erklärte Professor Stephan Letzel von der Universität Mainz in seinem Vortrag.

Als 1848 in Oberschlesien Typhus ausbrach, wurde Rudolf Virchow geschickt, um die Lage zu beurteilen. In seinem Bericht machte er den niedrigen sozialen Status der Bevölkerung, ihre schlechten Wohnungen und die einseitige Nahrung (Kartoffeln, Sauerkraut und Molke) und die schlechte Luft für die Epidemie verantwortlich.

"Dieses Volk ahnte nicht, dass die geistige und materielle Verarmung, in welche man sie hatte versinken lassen, zum grossen Theil die Ursachen des Hungers und der Krankheit waren", schrieb Virchow in seinem Bericht.

"Kurz: Armut führt zu Typhus", so Letzel. Dieser Zusammenhang stimme noch immer. Das hat er in seiner Studie "Armut, Schulden und Gesundheit" mit Zahlen belegt.

Viele Bürger haben Schulden

Gewiss, viele Bürger haben Schulden. Bei der Bank, bei Online-Händlern, bei Verwandten, die mit 200 Euro über einen Engpass hinweg halfen. Aber nicht jeder, der Geliehenes zurückzahlen muss, ist überschuldet.

Aber um Überschuldung geht es. Darunter versteht Letzel die Unfähigkeit, laufende und zukünftige Verpflichtungen selbst bei der Reduzierung aller Kosten auf lebensnotwendige Ausgaben aus dem Einkommen und Vermögen bedienen zu können.

In die Schuldnerberatungen der Diakonie kommen heute Klienten, die sich tief in den Zusammenhang von Schulden und Krankheit verfangen haben, hieß es auf der Veranstaltung. 2015 waren 6,7 Millionen Menschen in Deutschland überschuldet, so die Zahlen des Inkasso-Unternehmens Creditreform im jüngsten Schuldnerbericht. Die Schuldenlast ist im Norden und Westen größer als im Süden der Republik. Bremen liegt mit einer Schuldnerquote von rund 14 Prozent an der Spitze der Bundesländer, Bremerhaven verzeichnet sogar eine Schuldnerquote von mehr als 20 Prozent, und Bayern gerade mal von 7,12 Prozent.

Zugleich rutschen die Betroffenen in die Armut ab. Darauf weist der Paritätische Wohlfahrtsverband hin. Von Armut bedroht sind Menschen, die weniger als 11.840 Euro im Jahr verdienen. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes mussten 68 Prozent der beratenen Schuldner sogar mit weniger als 900 Euro im Monat auskommen. Von diesem Geld mussten sie auch noch Schulden in Höhe von durchschnittlich rund 23.000 Euro abbezahlen.

Kein Wunder, dass viele Überschuldete die Medikamentenzuzahlungen nicht mehr leisten können. Letzel ermittelte in seiner Studie, dass 65 Prozent der Befragten verschriebene Medikamente nicht kaufen konnten und (bis Ende 2012) 61 Prozent von ihnen wegen der Praxisgebühr nicht zum Arzt gingen.

Dabei leiden sie zu mehr als 40 Prozent unter psychischen Erkrankungen, zu rund 38 Prozent unter Wirbelsäulenerkrankungen und zu 25 Prozent unter Bluthochdruck. Unter den aktuellen Beschwerden rangierte die Kreuzschmerzen ganz vorn, gefolgt von Schlafstörungen und Kopfschmerzen, so Letzels Ergebnisse.

Mehr Zigaretten und Alkohol

Auch verändern Mittellose ihr Gesundheitsverhalten: "Weil zum Beispiel das Geld für den Sportverein fehlt, machen rund 48 Prozent der Überschuldeten weniger Sport und verzichten auf die gesündere aber teurere Ernährung. Dafür rauchen sie mehr, trinken mehr Alkohol und konsumieren mehr Beruhigungsmittel. Letzels Zahlen zeigen schließlich die bittere Konsequenz: Wer arm ist, lebt elf Jahre weniger.

Männer, deren Einkommen unter der Armutsgrenze liegt, sterben im Schnitt mit 70,1 Jahren. Wer mehr als 150 Prozent des Durchschnittseinkommens nach Hause bringt, stirbt durchschnittlich erst mit 80,9 Jahren.

Auch umgekehrt gilt: Krankheit macht arm. Das belegte die Verhaltenstherapeutin Professor Astrid Müller von der Medizinischen Hochschule Hannover anhand von Patienten, die unter Kaufsucht leiden. Rund fünf Prozent der Bevölkerung sind betroffen. Die Süchtigen kaufen vor allem im Internet und horten die Einkäufe oft noch ungeöffnet. Schuhe, Kleidung Nahrungsmittel türmen sich in in ihren Wohnungen.

Auch Ärzte und Richter betroffen

"Unter meinen Patienten sind auch MTAs, die ihren Beruf im Griff haben, aber wegen ihrer Sucht an der Grenze zur Armut leben", sagt Müller, "oder auch Ärzte und Richterinnen. Sie kaufen das 5000-Euro Kleid, ziehen es einmal an und kaufen ein neues." In ihre Wohnungen stapeln sich ungeöffnete Rechnungen und Mahnungen.

Den Kranken sehe man ihre Leiden nicht an, sagt Müller. Auch Hausärzte hätten damit ihre Schwierigkeiten und trauten sich nicht, zu fragen, weil das Thema derart schambesetzt sei. "Viele Ärzte sprechen ihre Patienten nicht an, weil sie sie nicht in Verlegenheit bringen wollen." Ihnen allen gemein ist eine gewisse Ängstlichkeit, hat Müller festgestellt, und die Überzeugung, dass Geld Macht und Prestige bedeutet. Der kurze Weg zum Kauf über das Internet und die Kreditkarte tun ein Übriges. In die Therapie kommen die Süchtigen schließlich oft erst dann, wenn das Haus verpfändet, die Ehe zerbrochen, das Konto hoffnungslos überzogen ist und die Psyche am Boden liegt.

Der Weg zur Heilung und finanziellen Konsolidierung ist steinig. Sechs von acht Teilnehmer von Müllers Therapiegruppen wollen eigentlich weiter shoppen, sagt die Therapeutin. Sie setzt bei ihren Patienten in der kognitiven Verhaltenstherapie denn auch nicht auf totale Abstinenz, sondern auf Kontrolle, unter anderem durch Alltagstricks: "Schmeißen Sie Kataloge weg. Löschen Sie Apps. Sperren Sie den Shopping-Kanal. Nehmen Sie einen Umweg um bestimmte Geschäfte. Zahlen Sie bar." Sie resümiert: "Wir können die Kaufsucht nicht vollkommen heilen. Aber wir können lernen, gesünder mit ihr zu leben."

Wie Stephan Letzel fordert auch Müller, die Betroffenen nicht zu stigmatisieren oder mit moralischen Bewertungen zu traktieren. Letzel: "Armut und Schulden sind ein gesamtgesellschaftliches Problem."

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